Inzwischen liegt der Höhepunkt der Welle ja eigentlich schon wieder hinter uns. Während in den 90er Jahren sogar Verona Feldbusch die neusten Nachrichten aus der Szene in einem mittlerweile nicht nur seriösen, sondern auch noch börsennotierten Privatfernsehsender verkünden durfte, wird die kommerzielle Seite der Liebe heute in der Öffentlichkeit nur noch selten breitgetreten - das Thema ist auf Dauer doch zu langweilig geworden. Und so musste sich selbst Lilo Wanders nach einem neuen Job umsehen.
Aber dennoch bleibt der Verkauf von mehr oder weniger erotischen Dienstleistungen natürlich ein wesentlicher Wirtschaftszweig, gerade in einer Stadt wie Berlin, in der der Tourismus zu den wesentlichen Einnahmequellen gehört. Und welche Form der Unterhaltung wird wohl bevorzugt von den riesigen Mengen von westdeutschen Männern, die völlig frauenlos zu Großereignissen wie dem Pokalfinale oder sogar der WM 2006 in die Stadt einfallen? Natürlich die Form der Unterhaltung, die man in der Heimat nur versteckt wahrnehmen kann, und von der man sich in der Großstadt etwas Abwechslung erhofft. Und wie bei jeder wichtigen Erwerbsquelle, man meint, auch diese müsse erforscht werden. Und so hat man einen bekannten Berliner Autor überzeugt, sich für einen Bericht in die Szene zu begeben.
Das Problem: Leider hat man jemanden genommen, der zwar sehr gut und überzeugend schreibt, aber den Genüssen, die dort möglicherweise geboten werden, so überhaupt nicht offen gegenüber steht. Es ist etwa so, als ließe man einen Vegetarier über Würste schreiben. Er muss sich in seiner Analyse völlig auf das Aussehen, den äußeren Schein verlassen. Denn er hat seiner Frau versprochen, nicht zu weit zu gehen. Und zumindest laut seinem Bericht im Buch hält er sich konsequent an dieses Versprechen. Und so sehen wir die Szene durch seine Augen nach wie vor als Außenseiter. Und wir sind ein bisschen genervt, wenn der Autor immer wieder stupide die Frage nach Preis und Leistung stellt und sich dann über das Nachverkaufen der Damen aufregt, auch wenn deren Preise einen Besuch eines guten Restaurants dann doch nur selten überschreiten. Dabei sollte das in der Praxis doch ganz einfach sein: Wenn man Dienstleistungen kauft, gibt es nun mal eine Preisliste. Pauschalpreise gibt es immer nur mit Kleingedrucktem als Zugabe.
Kann man nun mit dem Buch etwas anfangen? Lust auf einen Besuch in den beschriebenen Institutionen macht das Buch jedenfalls kaum. Aber auf der anderen Seite reichen die Beschreibungen immerhin als eine Art von Reiseführer für den Touristen, es werden Namen genannt und die Adressen sollten auch ohne Angabe der Hausnummer ohne Probleme zu identifizieren sein. Einheimische vertrauen sicher eher auf Mundpropaganda. Als Milieubeschreibung ist mir das ganze jedenfalls zu banal.