Ein erstaunliches kleines Buch. In einer ganz ruhigen, sachlichen und präzisen Sprache schildert Irena Liebmann ihre Begegnungen und Gespräche mit den Bewohnern eines Ostberliner Mietshauses 1980. Die von ihr befragten Menschen geben ohne weitere Vorgaben Auskunft über Leben. Meine erste Reaktion, auch auf die Sprache, war: Na ja, ist vielleicht ein wenig langweilig. Aber dann zog mich das Buch immer mehr in seine kleine Welt hinein. Man stößt auf die verschiedensten Menschen, Einstellungen und Schicksale. Manche dumm und banal, andere berührend oder sogar beeindruckend. Auf diese Weise öffnet sich ganz allmählich sozusagen das menschliche Leben vor einem und das Buch gewinnt, gerade auch aufgrund seiner unprätentiösen Diktion, eine Größe, die ich ihm am Anfang nicht zugetraut hätte. Ein zusätzlicher Vorzug für mich als ehemaligen Westdeutschen besteht darin, daß man ein wenig in den DDR-Alltag hineinriechen kann, doch das ist eher Nebensache.
Rat: Eher in kleinen Dosen genießen, als in einem Zug durchlesen.