Berlin ist -wie keine andere Stadt in Deutschland- ein Ort extremer Gegensätze. Das eine Berlin ist ultramodern und bricht gern mit der Vergangenheit. Das andere kann als historische Kulisse dienen und besticht durch seine geschichtliche Schwere und Eleganz. Berlin ist aber in erster Linie der Lebensraum von über drei Millionen Menschen, die dort Freud, Leid, Luxus und Tristesse erleben. Dem „etwas anderen Reiseführer für die Hauptstadt" von Dennis Orel und Benjamin Tafel gelingt eben dieser Brückenschlag. Er verharrt nicht allein in Glanz und Gloria der Spreemetropole. Hier wird die Pracht der neuen und alten Hauptstadt anders definiert. Unter den Linden, Friedrichstraße und Potsdamer Platz erlebt eher am Rande und wenn, dann in bis dato nicht gekannten und beeindruckenden Perspektiven. Alle Fotos und Kommentare sind jugendlich frisch, selbstironisch und respektlos! Die Autoren schaffen es, dem Leser die Illusion der ganzheitlichen Wahrnehmung dieser Stadt zu erlauben.
Der Reiseführer für Berlin und Umgebung arbeitet sehr detailliert die individuelle Seite der Menschen, ihrer Alltagssituationen und Probleme heraus und schaut auch hinter die Fassaden der Prachtmeilen, durchstreift die Seitengassen und Außenbezirke. Man labt sich an der Berliner Curry-Wurst am Alex und gelang über die Trabrennbahn schnurstracks ins Wannsee-Bad mit seiner ganz speziellen Bademode. Plattenbau, Industriebrachen und Stadiontristesse gehören ebenso zur Hauptstadt wie die prächtigen Flaniermeilen. Endlich ein Guide der Platz für Rost und Ruhelosigkeit Berlins findet. Auch neuere Begriffe der Berliner Schnauze lernt der Leser kennen: oder kannten Sie bislang die „Parteibrause", den „Lippenstift" respektive die „Puderdose"? Damit gewinnt das „Buch-Feature" an Authentizität. Eben diese Glaubwürdigkeit vermisst man sonst häufig durch eine einseitige Betrachtung der touristischen Highlights. Orel und Tafel zeigen, dass man den Begriff der Sehens-"Würdigkeit" um die Dimension der Menschen weiter fassen kann, ja muss, um Berlin in Gänze zu erkennen. Die gilt besonders für den prägenden Ostteil der City.
Die Autoren erweisen sich als fundierter Kenner der Hauptstadt. Die gewählte Mischung der Schauplätze zeigt die Metropole mit ihren ganz eigenen dynamischen Prozessen: Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie Kultur und Architektur. Dabei ist das Buch zu keinem Zeitpunkt abstrakt, sondern dicht am Menschen orientiert, was die Wechselwirkung Mensch-Stadt-Kultur besser verständlich werden lässt. Der Kunst- und Kulturliebhaber, aber auch der Einheimische wird Berlin noch mehr schätzen lernen. Das Leseerlebnis veranlasst zum Träumen aber auch zum Nachdenken.
Cover und Buch-Gestaltung entsprechen einer Premium-Qualität weit größerer Verlage. Hatje Cantz präsentiert einen sehr aufrichtigen, Neugier weckenden und ehrlichen Berlin-Guide und setzt damit Maßstäbe in Bezug auf das leider oft altbackene Medium der Reiseliteratur. Weiter so!