Um Spaß an diesem Buch zu haben, ist etwas Abgeschiedenheit gut; die Sprache erschließt sich nicht auf Anhieb. Es enthält kleine Texte, die in den Dreißiger Jahren entstanden sind und von Erlebnissen des 1892 geborenen Autors während seiner Kindheit handeln. Walter Benjamin starb 1940, während er sich auf der Flucht aus Deutschland befand. Das Buch ist mit einem Nachwort von Theodor W. Adorno versehen, der die Texte auch 1950 erstmals herausgab.
Vieles, was hier über das Berlin der Jahrhundertwende geschildert ist, erscheint auch heute nur zu bekannt: Die Hinterhöfe, die einen eigenen Mikrokosmos aus im Pflaster eingelassenen Bäumen, Teppichklopfern und Gartenstühlen bilden, die Siegessäule, deren Anspruch auf Ehrerbietung vor kriegerischen Großtaten den Autor irritiert, der Zoo, in dem der Autor sich vor allem am Fischotter-Gehege aufhält. Dann gibt es wieder die eher zeitgebundenen Schilderungen wie die über das mechanische, kinoähnliche Kaiserpanorama", die Schmetterlingsjagd oder die Faszination des Telefons. Schließlich schreibt der Autor über Orte oder Gegenstände, die sich auch in der Gegenwart noch finden, deren Zeitalter aber eigentlich das des Autors war, wie die Markthalle oder das blaue Zwiebelmuster".
Einige Erlebnisse sind schlicht private Begebenheiten und Eindrücke und in keiner Weise historisch gebunden.
"Die Uhr im Schulhof sah beschädigt aus durch meine Schuld. Sie
stand auf ,zu spät'."
Nicht nur das Kapitel Zu spät gekommen" zeugt von der melancholischen und ironischen Selbstbeobachtung des Autors. Das gleiche gilt etwa für seine Feststellung, wie lange es dauerte, ehe er in seiner anhaltend vergeblichen Suche nach Arbeit die Erfüllung seines lange gehegten Wunsches erkennen konnte, morgens ausschlafen zu können. Sein Selbstverständnis als Schriftsteller erläutert der in Philosophie promovierte Autor anhand der zusammengerollten Sockenpaare, die er als Kind im Schrank seiner Eltern immer wieder fasziniert befühlte.
Das Buch braucht Geduld. Einiges wirkt auf Anhieb zunächst skurril.
"Nie hatte man um Freundschaft rückhaltloser sich beworben
als ich um die des blauen Zwiebelmusters."
Aber dann führen Einzelheiten wie diese zu sehr ungewöhnlichen Gedankengänge, die in einer Sprache daherkommen, die sich allem auf vorsichtige Weise nähert und gleichzeitig mit wagemutigen Begriffen erfasst. Ein Buch, das in den historischen Wirren, denen der Autor im Besonderen ausgesetzt war, sicher leicht hätte verloren gehen können, was zum Glück nicht passiert ist.