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Wirklich? Bei so einem langweiligen Titel? Zugegeben, Metropole, Weimarer Zeit, Panorama klingt wie Wintermantel, Schrankwand, Leistungskurs. Aber falls Sie etwa schon mal -- eingeklemmt zwischen Touristenscharen -- die Straßen um den Hackeschen Markt durchschwommen haben, etwas ratlos angesichts einander überlagernder Geschichtsspuren und der dumpfen Hässlichkeit der Gegend: Nach der Lektüre dieses Bandes werden Sie die Signaturen der Mauern besser entziffern können.
Glatzers Buch handelt von jener kurzen Epoche -- ganze 15 Jahre --, in der Berlin zu Berlin wurde. Es geht nicht hochtrabend und abstrakt um die Weimarer Zeit, vielmehr sind Berlins Geburtsjahre gemeint. Die deutsche Hauptstadt ist in zwei Schüben entstanden: Straßenzüge und Häuserblocks wuchsen in dem Vierteljahrhundert zwischen 1890 und 1914 aus Sand und Kiefernheide, die Lebensform Berlin aber entwickelte sich 1918-1933 und diesen Vorgang erlebt der Leser hier mit. Ruth Glatzer ist Kennerin. Ihr Werkzeug ist nicht die Feder, sondern das Kopiergerät (oder der Scanner). Dank Glatzers Kennerschaft erwirbt der Käufer eine kleine Bibliothek der hervorragendsten Stimmen deutscher Zeit- und Kulturbeschreibung: Sling (legendärer Reporter und Glossenschreiber der Vossischen Zeitung), Alfred Polgar, Alfred Döblin, der unvergleichliche, heute völlig vergessene Sigismund von Radecki, Bernhard von Brentano und viele andere. Von der Autorin selbst stammen die verbindenden, erläuternden Texte.
Das Buch ist jedoch mehr als ein beliebiger Reader zu den Golden Twenties. Glatzer öffnet entlegene Quellen und hat nicht das Übliche gesammelt, sondern häufig besonders analytische Texte gefunden, gerade auch zur Entwicklung des Verkehrs, der Technik, zu Entstehung und Verlauf der politischen und gesellschaftlichen Krisen.
Was für's Leben: Wann immer Sie hinfahren in diese eigenartige flache Stadt in dieser eigenartigen flachen Gegend östlich der Elbe oder bevor Sie sich abends in das Gewühl der neuen Bars und Kneipen stürzen oder wenn Sie S-Bahn fahren, ewiges, unvergleichliches Sight-Seeing: Ein paar Seiten Glatzer steigern den Genuss! --Michael Winteroll
Von 1918 bis 1933 reicht der dritte Band, mit dem Ruth Glatzer das Panorama der Metropole Berlin zeichnet. Sie berichtet über die politischen Unruhen nach dem Ersten Weltkrieg, die wirtschaftlichen Nöte und Entbehrungen der frühen zwanziger Jahre, die Inflation, die administrative Neuordnung der Großstadt, die Stadtentwicklung, Berlins Verwandlung in eine moderne Metropole, die neue Sachlichkeit, die die Stadt fortan nachhaltig prägen soll. Berlin wird zur größten Industriestadt des europäischen Kontinents. Ruth Glatzer führt uns anhand ausgewählter Texte in die Theater, die Ausstellungen, Opern, Konzerte und Kabaretts der »Goldenen Zwanziger Jahre«. Es entsteht die »Symphonie einer Großstadt«.
Das Panorama der Texte von Käthe Kollwitz, Alfred Döblin, Carl von Ossietzky, Carl Zuckmayer, Vladimir Nabokov, Erich Kästner, Franz Kafka, Kurt Tucholsky und anderen endet am 30. Januar 1933.
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