Das Buch "Der große und der kleine Schritt" von der selben Autorin hatte ich ja bereits rezensiert, nun auch noch "Berlin in einer Hundenacht".
Die ganz in SW gehaltenen Fotos sind in den Jahren 1977 bis 1990 entstanden.
Zum Druck
Ich hatte die Originale im Rahmen der Ausstellung im c/o Berlin im Februar 2012 sehen können und muss sagen, die Druckqualität des Buches ist sehr gut!
Oft sind die Schwarzwerte von in Büchern abgedruckten Fotos zu flau. Tiefe Schwärzen gehen verloren, so dass die Fotos auf den ersten Blick im Vergleich zu den Originalen kontrastarm erscheinen.
Zum Glück ist die Druckqualität des Buches hier sehr gut. Bei manchen gedruckten Fotos stört es nicht so sonderlich, wenn Kontraste verloren gehen. Bei den SW Fotografien von Gundula Schulze Eldowy sind fette Schwarzwerte aber für einen Großteil der Bilder wirklich ausschlaggebend.
Zur Einleitung
Der einleitende Text ist Gold wert. Warum? Die Fotografien haben auf den ersten schnellen Blick etwas voyeuristisches, da sie tief in das Leben der abgebildeten Menschen eindringen. Voyeurismus? Tabubrüche? Mit Sicherheit nicht! Im Vergleich zur klassischen Street-Photography / Straßenfotografie wo nur Momente festgehalten werden, und der Fotograf mit seiner Kamera sofort das nächste Sujet sucht, geht die Autorin vollkommen anders vor.
Sie lässt sich ein. Sie öffnet sich für das Leben der abgebildeten Menschen, zeigt sich offen für deren Geschichten und wird so selbst Teil des Lebens. Sicherlich alles andere als ein einfacher Weg. Aber man sieht dies den Fotos an. Die Bilder wirken nicht gestellt, man dringt als Betrachter sehr tief in diese Geschichten der abgebildeten Mensche ein.
All das wird einem durch den einleitenden Text, der auf die Entstehung von ein paar der Fotos eingeht, klarer.
Die Fotos
Fotos vom im Verfall befindenden Berlin. Solche Fotos sind an sich genommen aus heutiger Sicht nicht neu. Seit der Maueröffnung sind Massen an solchen Fotos entstanden. Versteckte Orte, verlassene Orte, Berlin im Zerfall, Berlin im Umbruch. Das besondere an diesen Bilder ist der Zeitpunkt zu dem diese entstanden sind. 1977 bis 1990 also zu Zeiten der DDR, als solche Fotos im Gegensatz zur offiziellen Kultur standen, da sie ein vollkommen anderes Bild von Ost-Berlin darstellten.
Aber es dominieren auch hier weniger die Abbildungen von verfallenen oder unbekannten Orten, sondern mehr die Menschen in ihrer Umgebung. Alltägliche Menschen in ihrer normalen und alltäglichen Umgebung. Gerade diese Portraits sind einmalig. Portraits die eine Einheit aus den Menschen und der Umgebung darstellen und nicht versuchen etwas zu inszenieren.
Gundula Schulze Eldowy sagt in einem ihrer Interviews - den genauen Wortlaut habe ich nicht mehr im Kopf: Akt- und Mode-Fotografie würde sie langweilen. Das seien seit Jahrzehnten immer die selben langweiligen Abbildungen. Diese Bilder würden schon immer einem genauen Bild von vor allem Frauen entsprechen und seien einfallslos.
Die Bilder von "Berlin in einer Hundenacht" sind hier das blanke Gegenteil. Technisch / fotografisch gesehen ebenso hervorragende Arbeiten. Aber keine gut ausgeleuchteten Schönheiten abgebildeten vor interessanten Hintergründen. Alltägliche Menschen, interessante Ausdrücke, Menschen die etwas zu erzählen haben, aufgenommen in ihren normalem Umgebungen. Keine Inszenierung. Kein zurechtrücken.
Tamerlan
Besonderer Erwähnung bedürfen die Fotos aus der Reihe Tamerlan die zwischen 1979 und 1987 entstanden. Die Fotografin lernte Tamerlan auf einem ihrer Spaziergänge im Prenzlauer Berg kennen. Sie saß alleine auf einer Bank am Kollwitzplatz. Aus einem einzelnen Foto entstand eine Geschichte voller Wiedersehen, einiger Briefe und vor allem zu tiefst beeindruckender Fotos.
Im Vergleich zu "Der große und der kleine Schritt" sind die Bilder weniger brutal, weniger erschreckend. Sie sind leiser in ihren Tönen. Aber ebenso wunderbar.
Auch für dieses Buch: 5 Sterne!