Als "Berlin" im Oktober 1973 veröffentlicht wurde, reagierten sowohl Publikum als Kritiker mit Unverständnis und Entsetzen. Da Reed mit "Transformer" erst im Jahr zuvor einen Riesenerfolg verbucht hatte ("Take a walk on the wild side") und Fans sicherlich mit einem Glam-Rock-Nachfolger gerechnet hatten, musste "Berlin" geradezu den kommerziellen Selbstmord bedeuten. Die Thematik dieses Konzeptalbums ist nicht attraktiv (Drogenmißbrauch, Selbstmord, häusliche Gewalt und Depressionen), die Musik ist auf den ersten Blick sperrig und auch Reeds Stimme wirkt angegriffen und kaputt. Trotzdem ist dieses Album für mich ein Meilenstein der Musikgeschichte und wirkt wohl wegen seiner grausamer Direktheit auch heute noch faszinierend und zeitgemäß (Reed: ....it´s all very straightforward and real. I was careful in writing the lyrics to be direct and to the point..it´s just a realistic story about people who live in the seventies...)
Reed sagte über Berlin, dass die Geschichte von Jim und Caroline wohl in Berlin spielt, aber an jedem anderen Ort spielen könnte (Reed: ...it happens to people all the time, not only in Berlin but in places like Ohio").
Wieviel aus Berlin" Fiktion oder selbst Erlebtes ist, wird wohl immer Reeds Geheimnis bleiben. Wenn man sich aber mit Reeds Band The Velvet Underground", Andy Warhols Factory und den beiden Factory-Stars" Nico und Edie Sedgwick ein wenig beschäftigt, liegt doch der Verdacht nah, dass die Caroline aus Berlin starke Ähnlichkeit mit Nico hat (mit der Reed eine Beziehung hatte und die selbst schwer heroinsüchtig war) und Carolines Verfall und Ende dem von Edie Sedgewick gleicht, die im November 1971 als körperliches Wrack starb. Besonders die Parallelen zu Nico (bürgerlich: Christa Päffgen) sind offensichtlich und besonders bei den Tracks The Kids, the bed und Sad Song" wird man das Gefühl nicht los, dass diese für Reed auch eine Art Vergangenheitsbewältigung sind.
Die scheinbaren Parallelen zwischen Platte und Lou Reeds Umfeld beschreibe ich deshalb, weil man sich doch im Klaren sein sollte, dass man sich bei Berlin auf keine leichte Kost einlässt. Das Album ist zynisch, teilweise brutal, nihilistisch und zutiefst deprimierend. Trotzdem geht es weit über den Bereich gängiger Popmusik hinaus und fast schon vertonte (Anti)-Poesie. Außerdem beschreibt es gut die Katerstimmung, mit der die Popmusik Anfang der 70er zu kämpfen hatte. Der Sommer der Liebe war schon längst vorbei und an seine Stelle war eine Periode der Desillusionierung getreten. Betäubendes Heroin hatte längst bewusstseinserweiterndes LSD abgelöst und viele starben den Drogentod.
Retrospektiv betrachtet ist Berlin somit nicht nur eine eindringliche, musikalisch hoch interessante Platte, sondern auch ein Zeitdokument und eine Geschichte, die es wert ist gehört zu werden - ohne aber diesen Ort jemals betreten zu wollen.
Zu den Tracks und der Story im einzelnen:
1) Berlin: Nach den Hintergrundklängen eines weinseligen "Happy Birthdays" startet Berlin mit ruhigen Klavierakkorden und schildert das Kennenlernen zweier Liebender (Jim und Caroline). "It was very nice - Candlesight and Dubonnet on Ice...oh honey it was paradise". Berlin ist ein wunderschönes Intro, doch liegt bereits in diesem ersten Kennenlernen viel Melancholie und die Betonung liegt auf "WAS Paradise"
2) Ladyday: Caroline hört aus einer Bar laute Musik und beschließt dort spontan zu singen (She had to go in and sing-it had to be that way). Nach dem Applaus verschwindet sie schließlich in einem Hotel ("To the hotel that she called home - it had greenish walls, a bathroom in the hall"). Interessant auch hier der mögliche Bezug zu Nico und Velvet Underground. Andy Warhol hatte seine Band The Velvet Underground" als Kunstprodukt konzipiert und verlangte von VU, dass Nico einige Songs singen soll - wovon Reed anfangs weniger angetan war (And I said no,no, no-oh Lady Day.....), ihn aber nicht hinderte mit ihr ein Verhältnis anzufangen.
3) Men of Good Fortune: Dieser Track behandelt nicht die Beziehung von Jim und Caroline. Vielmehr stellt er in Frage warum manche im Leben scheinbar grundlos scheitern und andere trotz widrigster Voraussetzungen Erfolg haben. Die Position des Erzählers (Lou Reed?) hier: ..But me? I just don´t care at all". Edie Sedgewick könnte hier ebenfalls Pate gestanden haben. Als poor rich girl" stieg sie unter Warhols Obhut rasch zum Star auf, hatte aber trotz reicher Eltern enorme Probleme (Selbstmorde und Geisteskrankheiten in der Familie) und warf ihr Leben scheinbar grundlos mit Drogen weg..
4) Caroline Says I: Dieser Track geht auf den VU-Song Stephanie says" zurück, und wieder ist der Bezug zu Nico offensichtlich: She says she doesn´t want a man who leans, still she is my Germanic queen". Hier ist zu erwähnen, dass Nico (Christa Päffgen) deutsche Wurzeln hatte, später als Photomodell und Schauspielerin (La Dolce Vita" von Fellini) in Frankreich Karriere machte und schließlich in der Factory versuchte als Andy Warhols Sängerin" durchzustarten.
Schon hier beginnt der Niedergang von Jims und Carolines Beziehung (Just like poison in a vial, she was often very vile, but of course I thought I can take it all...)
5) How do you Think it feels: ...when you´re speeding and lonely...when you been up for five days...AND when do you think it stops. Caroline ist nun bereits voll auf Drogen und Jim kann nur desillusioniert und vorwurfsvoll anklagen..unterbrochen von gemurmelten Come here baby"..
6) Oh Jim: all your two-bit friends they´re shooting you up with pills...But I don´t care just where it´s at cause, honey, I am just like an alley-cat.....Filled up to here with hate, beat her black and blue and get it straight....Drogenmißbrauch, Straßenstrich und häusliche Gewalt..wahrlich keine schönen Themen...Jim ist nun kein man who leans" mehr. Caroline singt: When you are looking through the eyes of hate...you broke my heart ever since you went away"....
7) Caroline Says II: Wo CS I noch ein aufsässiger Rocksong ist, ist CS II ein langsamer, zutiefst trauriger Drogensong...Caroline Says - as she gets off the floor, why is it that you beat me...it isn´t any fun...But she´s not afraid to die....all of her friends call her Alaska, when she takes speed they laugh and ask her what is in her mind. Caroline beginnt sich selbst zu verletzen: ...she put her first through the window pane...it was such a funny feeling"......"it´s so cold in Alaska"...
8) The Kids: ..They´re taking her children away, because they said she was not a good mother...because she was making it with sisters and brothers...because oft he things she did in the streets, in the alleys and bars, nos he couldn´t b beat..that miserable rotten slut couldn´t turn anyone away..
Caroline werden schließlich die Kinder weggenommen, was ihr Schicksal besiegelt. Der Song endet mit furchtbarem Kindergeschrei und ist wohl einer der furchterregendsten und traurigsten Tracks, die jemals aufgenommen wurden. Noch schrecklicher daran ist, dass im wirklichen Leben Nico tatsächlich 1962 mit Alain Delon(!) einen Sohn namens Ari gebar, der aber bei Delons Eltern aufwuchs und nie von Alain Delon anerkannt wurde. Ari Boulogne war übrigens ebenfalls mindestens 2 Jahrzehnte heroinsüchtig und schrieb über seine Mutter 2001 eine vielbeachtete Biographie. Nico starb übrigens 1987 ironischerweise bei einem Fahrradunfall auf Ibiza (fiel vom Rad und starb an den Gehirnblutungen) nachdem sie die letzten 2 Jahre ihres Lebens ihre Heroinsucht scheinbar erfolgreich bezwungen hatte.
9) The Bed: .....And this is the place where she lay her head when she went to bed at night...and this is the room where she took the razor and cut her wrists that strange and fateful night.
Berlin endet somit mit Carolines Selbstmord und fassungslos traurig und doch gefasst singt Jim:
I never would have started if I had known that it would end this way-But funny things I am not at all sad that it stopped this way."
Auch hier wiederum besteht eine Parallele zu Edie Sedgewick, die am 15. November 1971 schließlich in ihrem Bett verstarb und von ihrem Mann Michael Post am nächsten Morgen tot aufgefunden wurde - bei ihr es laut Gerichtsmediziner ein Selbstmord/Mord durch eine Überdosis Barbiturate.
10) Sad Song: Der Abschlußsong von Berlin" scheint schließlich halb aus dem Jenseits zukommen. Ganz untypisch für Berlin, ist er voller Liebe und Wäre. Doch ist diese Liebe eine wehmütige Liebe voller Erinnerungen. Staring at my Picture Book she looks like Mary - Queen of Scots. She seemed very regal to me - just goes to show how wrong you can be..In Jims Stimme liegt sehr viel Liebe und noch mehr Bedauern und wenn er singt I am gonna stop wasting my time. Somebody else would have broken both of her arms" klingt es fast so, als möchte er sich selbst die Absolution erteilen und von vorne anfangen. Ob es gelingen wird, ist aber fraglich..der Song endet pompös mit Bläsern und Violinen doch als letzte Worte klingen minutenlang nur Sad Song".....