Gebraucht kaufen
Gebraucht - Gut Informationen anzeigen
Preis: EUR 12,92

oder
Loggen Sie sich ein, um 1-Click® einzuschalten.
 
   
Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Berlin, Ostbahnhof Europas. Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert
 
Größeres Bild
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Berlin, Ostbahnhof Europas. Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert [Gebundene Ausgabe]

Karl Schlögel


Erhältlich bei diesen Anbietern.



Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch


Produktinformation


Mehr über den Autor

Karl Schlögel
Entdecken Sie Bücher, lesen Sie über Autoren und mehr

Besuchen Sie die Seite von Karl Schlögel auf Amazon

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Die verlorene Nähe

Karl Schlögel über Berlins russische Topographie

Ob sich die Grundsatzdiskussion an den unerledigten Dossiers des Zweiten Weltkriegs, am Holocaust-Gedenken oder an den Exzessen des kalten Krieges entzündet – die Moralisierung der Geschichtsbetrachtung in jüngerer Zeit täuscht leicht darüber hinweg, dass oft auch ästhetische Fragen verhandelt werden. Gerade der endzeitliche Furor, mit dem Weltgeschichte als Weltgericht betrieben wird, ist Indiz dafür, dass man sich in einem Raum jenseits des Politischen bewegt. Und in der Tat: in Westeuropa lebt es sich realitätsentlastet wie nie zuvor in diesem Jahrhundert. Wo bis vor kurzem Überstehen alles war, kursiert heute ein neuer Machbarkeitsglaube. Es ist die Gnade der posttotalitären Wiedergeburt, die dazu verführt, frühere Generationen für dümmer zu halten, als man selber ist. Die Sünden der Väter – ist man ihrer nicht schon dadurch enthoben, dass man sich für sie grossmütig entschuldigt? So dient die inflationäre Zurschaustellung des schlechten Gewissens oft weniger der Wahrheitsfindung als dem eigenen moralischen Narzissmus. Kein Zweifel, man soll sich spiegeln in der Geschichte, doch nicht um sich selbst zu erhöhen, sondern um sich in der Schwäche anderer wiederzuerkennen.

Befreiter Blick

Es gibt ihn, den «Blick zurück ohne Eiferertum und Rechthaberei», den Abschied vom vereinfachenden «Entweder-Oder». Die Arbeiten des Osteuropahistorikers Karl Schlögel belegen, wie sehr die demokratische Zeitenwende von 1989 eine Öffnung der geschichtlichen Perzeption im Zeichen auch des Ästhetischen ermöglicht hat. Ob Schlögel über Petersburg als «Laboratorium der Moderne», über das versunkene Mitteleuropa oder, wie jüngst, über Berlin als Knotenpunkt deutsch-russischer Beziehungen schreibt, stets geht es ihm um die «zweite Entdeckung» einer Wirklichkeit, über der sich nach 1945 der Eiserne Vorhang gesenkt hatte. Es gilt, im Osten nicht nur materiell, sondern auch ideell Aufbauhilfe zu leisten – durch Kenntnis und Anerkennung dessen, was verlorengegangen ist: «Was der Totalitarismus ins Destruktive gewendet hat, hat nun die Chance, sich produktiv auszuleben.» Wo Ausschliessung war, soll Zusammenhang sein, wo Theorie war, Anschauung werden. Schlögel selber sucht die Nähe, wie seine Dozentur in Frankfurt an der Oder und seine zahlreichen Reiseessays beweisen, und doch bewegt er sich auch in einem Geisterreich. Was über Generationen aufgebaut und in einem zweifachen Augenblick des Wahns zerstört wurde, lässt sich, wenn überhaupt, nicht rasch wiederherstellen.

Wenn sich dieses Katastrophenjahrhundert an einem Ort zusammenzieht, dann in Berlin. «Nichts, was [hier] nicht ausprobiert worden wäre», bemerkt Schlögel (und vergisst die Atombombe), nichts Epochales, woran diese Schnittstelle zwischen West und Ost nicht irgendwie Anteil gehabt hätte. 1917 passiert von der Schweiz her kommend jener plombierte Eisenbahnwagen den Potsdamer Bahnhof, dessen revolutionäre Fracht nicht allein in Russland das Zeitalter der Kabinettspolitik besiegeln wird. So wie Lenin mussten fast alle, die von Ost nach West und West nach Ost reisten, durch Berlin. Keine andere europäische Stadt war so tief und so dramatisch durchdrungen vom Russischen, zumal nach 1918, als sich das Schicksal der beiden «Parias der europäischen Nachkriegsordnung» bis zum Fall der Mauer unauflöslich aneinanderkettete.

Das russische Berlin ist heute ein versunkener Kontinent, und es braucht schon «eine Schule der Sinne und des historischen Instinkts», um seine Spuren zu erkennen und in ihrer Vielfalt zu entwirren. So sammelten sich in den zwanziger Jahren Hunderttausende von russischen Emigranten unterschiedlichster Mentalität und Provenienz, Adelige und Grossbürger genauso wie Monarchisten, Menschewiki, Weissarmisten und Juden. Daneben gab es die Agitatoren der Weltrevolution wie Funktionäre, Agenten, Diplomaten, Literaten, aber auch Militärs in geheimer, später offizieller Mission. Nach 1941 leben in Berlin Zehntausende von russischer Zwangsarbeitern, 1945 rückt die Rote Armee und in ihrem Tross die Partei ein. Kaum weniger heterogen stellt sich die an Russland interessierte deutsche Seite dar: Universitätsprofessoren (wie der Doyen der deutschen Osteuropakunde, Otto Hoetzsch), Kosmopoliten (wie der Bohémien Harry Graf Kessler), Revolutionspilger und Intellektuelle auf der Höhe der Zeit (Benjamin, Lukács, Jünger, Schmitt), Parteifunktionäre, Geschäftsleute, Diplomaten, Generäle und nicht zuletzt jenes Massenpublikum, das um das Schicksal der vermeintlichen Zarentochter Anastasia bangt.

Orte und Unorte

In der Metropole gibt es spezifische Orte, an denen sich Deutsches und Russisches verschlingen: Bahnhöfe, Salons, Botschaften, Redaktionen, Cafés, Gefängnisse. «Asien», das nach einem zeitgenössischen Diktum «am Schlesischen Bahnhof» beginnt, wird Wirklichkeit am ostpreussischen Grenzbahnhof von Eydtkuhnen, wo der Zug die Spurbreite wechselt. Dem Titel eines Kriminalromans folgend, findet sich «Petersburg am Wittenbergplatz» – eine «Ersatzhauptstadt» der Vertriebenen mit allem, was dazugehört. Die sowjetische Botschaft Unter den Linden 7 wiederum war als «erste Adresse von Schmähungen, Diffamierungen und Legendenbildungen» ein hochsymbolischer Ort, aber auch ein über die revolutionäre Linke hinaus wirkendes gesellschaftliches Zentrum. Lenins Intimus Karl Radek hielt als «Attraktion und Schreckgespenst in einem» regelrecht hof. Daneben gab es das ortlose Berlin der Exilanten, die sich notdürftig über Wasser hielten (Strasse, U-Bahn, Untermieterzimmer, Hinterhof), aber auch der Agenten, die im Verdeckten operierten.

Es macht Karl Schlögels methodologische Begabung aus, im gedanklich Fernen, weil allzu Naheliegenden fündig zu werden: im Studium von Kursbüchern und Stadtplänen, bei der Lektüre von Romanen (allen voran Nabokovs) und Memoiren, Zeitungen und Reiseführern, Reklamen und Zollbestimmungen. Vieles, was aus fachhistorischer Perspektive marginal scheint, erweist sich als Knoten eines Textes, den es in seiner Gesamtheit neu zu entziffern gilt. Nebenfiguren (wie Radek) sind oft symptomatischer als Haupt- und Staatsakteure, das Fraglose und Banale (wer weshalb wohin im Zug reist) sagt oft mehr über die Gesellschaft aus als das Politische. Schlögel verschmäht weder Alltags- noch Ereignis-, weder Medien- und Technikgeschichte, er spinnt sein Thema um Schwerpunkte, die sich überlagern und gegenseitig erhellen.

Russen in Berlin – der Stoff ist nicht neu, doch ist er bisher nicht in dieser Fülle und Dichte, in dieser Anschaulichkeit und Vehemenz zur Sprache gekommen. Schlögel führt nicht nur eine elegante Feder, er besitzt auch Sinn fürs Dramaturgische. Dabei sind gerade die Überlagerungen, die den Autor faszinieren, wie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Nebeneinander sozial deklassierter Emigranten und selbstbewusster «neuer» Sowjetmenschen. Vertrackt ist auch die Polarität und Anziehung «zwischen dem alt-neuen Deutschland und dem alt-neuen Russland» nach 1918, wie sie sich etwa im «Gespann der ‹roten› Grafen Brockdorff-Rantzau und des revolutionären Aristokraten Georgi Tschitscherin», zweier Diplomaten alter Schule, manifestiert. Nicht die ideologische Ferne, erst der totale Wille zur Macht zumal des Nationalsozialismus, so Schlögels These, besiegelte das Ende der alten Nähe, die Verwandlung Berlins von der internationalen zur geschlossenen Gesellschaft.

Grenzen der Ästhetisierung

Ob in der Verklärung oder in der Dämonisierung: Russland – und das zeigt überdeutlich die Medienhysterie um Anastasia – ist stets auch eine Projektion geblieben. Im Berlin der Zwischenkriegszeit tobt der Krieg der Bilder, und es sind nicht die Anachronisten wie Nabokov, die obsiegen. Von Berlin aus strahlt jene Sowjet-«Ästhetik des Zeitgemäss-Modernen» in die Welt, deren Evidenz die kommunistische Linke mehr in Bann schlagen wird als jedes klassenkämpferische Argument. Freilich scheint Schlögel selbst suggestiver Mischung von Schönheit und Gewalt zu erliegen, wenn er über die analytische Beschreibung seiner Lebenswelt hinaus emphatisch die «Tragödie des deutschen Kommunismus» beschwört. Gewiss, eine «Heerschau des ‹roten Berlin›» muss «imposant» gewesen sein, doch war «Komintern-Berlin» wirklich lediglich «ein zu früher Vorläufer des Global Village» und «hatte im Sturm der Gewalt und Zerstörung keine Chance»? Die Nationalsozialisten – auch sie hatten bekanntlich ihre Aufmärsche – waren es ja nicht allein, die die Weimarer Republik zerstörten.

Die Ästhetisierung der Geschichtsbetrachtung hat dort ihre Grenze, wo sie umschlägt in die Sehnsucht nach Totalität. Und nicht alles lässt sich bereits ästhetisch betrachten: Ist es Zufall, dass Schlögel die bleierne Zeit der DDR so gut wie ausspart? Der Bruderkuss im Hause Honecker, sollte nicht auch er als «Schleuse zwischen Normal- und Ausnahmezustand» zu lesen sein?

Andreas Breitenstein

Klappentext

Zum ersten Mal nach einem Jahrhundert der Verwicklungen und Zusammenstöße gibt es zwischen Deutschland und Rußland keine wirklichen Probleme mehr. Karl Schlögel schildert diese wechselhafte Beziehung im Mikrokosmos Berlin. Und er kommt zu dem Schluß: Es bedarf heute keiner Notgemeinschaft und keines Geistes von Rapallo mehr. Das neue russische Berlin ist ein ganz anderes.In fünfzehn Kapiteln folgt Schlögel den Fäden und Linien, die nach Berlin hinein- und au ihm herausführen, treibt er Stollen und Sonden in nahezu unerschlossenes Terrain. Es gibt Kapitel, die sich um soziale Orte gruppieren, andere entwerfen eher eine Typolgie der Stadt mit ihren Agenten und Diplomaten, ihren Emigranten und Offizieren. Perspektiven werden verglichen, Traditionen und Verarbeitungsweisen nebeneinandergestellt. Vieles spricht heute dafür, daß die alte Konstellation niemals mehr auftreten wird, die Wendung in die Katastrophe nicht mehr zwingend ist. Die heroischen Anstrengungen und die phantastischen Projekte des frühen 20. Jahrhunderts haben sich erledigt. Aus den Flüchtlingen wurden bisnsmeny. Und die Generäle sprechen jetzt Amerikanisch. Es bedarf keiner Notgemeinschaft und keines Geistes von Rapallo mehr. Das neue russische Berlin ist ein ganz anderes.

Welche anderen Artikel kaufen Kunden, nachdem sie diesen Artikel angesehen haben?


Vorgeschlagene Tags zu ähnlichen Produkten

 (Was ist das?)
Setzen Sie den ersten relevanten Tag hinzu (ein Schlüsselwort, das mit diesem Produkt in engem Zusammenhang steht).
 

 

Eine digitale Version dieses Buchs im Kindle-Shop verkaufen

Wenn Sie ein Verleger oder Autor sind und die digitalen Rechte an einem Buch haben, können Sie die digitale Version des Buchs in unserem Kindle-Shop verkaufen. Weitere Informationen

Kundenrezensionen

Noch keine Kundenrezensionen vorhanden.
5 Sterne
4 Sterne
3 Sterne
2 Sterne
1 Sterne

Kunden diskutieren

Das Forum zu diesem Produkt
Diskussion Antworten Jüngster Beitrag
Noch keine Diskussionen

Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen
Neue Diskussion starten
Thema:
Erster Beitrag:
Eingabe des Log-ins
 


Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
Alle Amazon-Diskussionen durchsuchen
   
Ähnliche Foren


Lieblingslisten


Ähnliche Artikel finden


Anhand des Sachgebietes nach ähnlichen Produkten suchen:


Ihr Kommentar