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Berlin - Moskau
 
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Berlin - Moskau [Gebundene Ausgabe]

Wolfgang Büscher
3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (37 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Ein Hemd, eine Hose, ein Paar Socken, Regen- und Fleecejacke, Rasierzeug, Karten und ein Schlafsack. Mehr ist es nicht, was Wolfgang Büscher auf seinem 82-tägigen Fußmarsch von Berlin nach Moskau in seinem Rucksack trägt -- und natürlich jede Menge Notizhefte, auf die er all die dramatischen und skurrilen Erfahrungen mit dem "wilden Osten" und seinen Bewohnern niederschreibt.

Das Buch ist natürlich kein gewöhnlicher Reiseführer. Keine einzige Landkarte findet sich hier, nicht einmal ein bescheidener Übersichtsplan über die 2.500 zurückgelegten Kilometer. Auch auf Bilder wurde komplett verzichtet. Es zählt nur das Wort. Und das ist wahrlich die Stärke von Büscher, der normalerweise das Ressort Reportagen bei der Welt leitet und 2002 mit dem angesehenen Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde.

Dass er diesen Preis zu Recht verliehen bekam, beweist er in Berlin-Moskau mit einem äußerst anregenden und feinfühligen Sprachstil, der selbst kriegerischen Grausamkeiten poetische Tupfer verpasst. Der Spiegel jedenfalls zeigt sich begeistert: "Die Niederschrift seiner Reiseerfahrungen gehört zum Besten, was in den letzten Jahren in deutscher Sprache erschienen ist", meldet das Nachrichtenmagazin!

Diese Begeisterung liegt auch daran, dass die Mauer der Unwissenheit immer noch nicht abgerissen ist: Zu wenig ist gemeinhin über Polen, Weißrussland und Russland bekannt -- und auch deshalb verfolgt man so gespannt, wie Büscher die fremden Orte und Menschen erkundet: Schmugglerinnen lernt man kennen, mit denen er die weißrussische Grenze überquert, einen sibirischen Yogi oder einen Russen, mit dem er in die verbotene Zone von Tschernobyl fährt.

Bei seinem Trip begegnet der Autor auch den Geistern der Vergangenheit. Schließlich beschreitet er fast exakt dieselbe Route, die sowohl Napoleon als auch Hitlers Heeresgruppe Mitte eingeschlagen hatten. Auch sein Großvater, den Büscher nie sah, musste im Zweiten Weltkrieg hier entlang marschiert sein. Und so bekommt der Reisebericht mitunter eine sehr persönliche und emotionale Note, wenn sich der Autor vorstellt, "gerade über ihn zu gehen, ohne dass er es merkt. Einfach durch ihn hindurchzugehen wie der Wind". Ein ungewöhnlicher Bestseller! --Christian Haas

Der Spiegel

Zu Fuß im wilden Osten
Mit diesem Buch wurde Wolfgang Büscher bekannt, ja sogar ein wenig berühmt. Die atemraubende Erzählung seines 82-tägigen Fußmarsches von Berlin nach Moskau im Sommer 2001 war nicht nur ein gefeierter Bestseller, vom Publikum geliebt, von den Kritikern gelobt – sie war auch ein Opus magnum, ein Werk, dessen literarische Qualität schwer zu überbieten sein wird. Auch wenn Büscher, inzwischen Autor der Wochenzeitung „Die Zeit“, auf Vorschlag von Bundespräsident Horst Köhler den Ludwig-Börne-Preis 2006 für sein jüngstes Buch „Deutschland, eine Reise“ erhielt – sein Meisterwerk hat er schon 2003 abgeliefert. Es ist immer noch schwer zu entscheiden, was mehr Bewunderung verdient: der Mut, sich völlig allein auf den über 2500 Kilometer langen Weg zu machen, die Zähigkeit und Ausdauer des Rucksackreisenden, der morgens nicht wusste, ob er abends irgendeine Schlafgelegenheit finden würde, oder die nie versiegende Neugier der Beobachtung, die sich in einer ebenso reflektierenden wie phantasiereichen Prosa niederschlug.

Schon zu Beginn zieht es, stilistisch zwischen Alfred Döblin und Céline angesiedelt, den Leser in seinen Bann: „Verkehr kam auf, in den Alleen schrien die Vögel, zitternd sprang die Stadt an...“ In extra angefertigten Wanderstiefeln brach er an diesem frühen Morgen auf und folgte der Strecke, die schon Napoleon und Hitlers Heeresgruppe Mitte genommen hatten. Es dauert nicht lang, und er passiert jene „Allee der Gehenkten“ kurz vor den Seelower Höhen, wo die SS 1945 Deserteure an Bäumen aufgeknüpft hatte.

Doch Einbildungskraft und Sprachvermögen des Autors ver¬wandeln selbst die Erinnerung an vergangenes Grauen in leuchtende poetische Gegenwärtigkeit. Innerhalb eines Satzes verbindet er genaue Betrachtung, ästhetische Inszenierung und geschichtsbewusste Reflexion. So ist Büschers Erkundung der östlichen „Terra incognita“ weder ein Selbsterfahrungstrip im Ich-Ich-Ich-Tremolo noch eine gebildete, aber langweilige Vermessung der postsowjetischen Welt: Der Wanderer aus Deutschland komponiert die Bruch- und Fundstücke aus dem „Tagebau des Tragischen“ derart virtuos, dass das anspruchsvolle Werk sogar unterhaltsamer ist als manch marktgerecht hingedrechselte Zeitgeist-Fibel.

Die Beschreibung eines Augenblicks, die Skizze einer Person, Gesellschaftsanalyse wie unterm Mikroskop – alles passiert wie im Vorübergehen und ist doch präzise und eindringlich. Ob in Tschernobyl oder Katyn, im endlosen Landregen auf der einsamen Straße oder in einem weißrussischen Schmugglerinnenbus – falsche Romantik kommt nie auf. Doch das ganze Unternehmen entspringt durchaus einer romantischen Idee, ein bisschen so wie bei Johann Gottfried Seume, der vor zweihundert Jahren von Sachsen nach Syrakus lief.

Auch bei Büscher fasziniert vor allem der ständige Perspektivenwechsel bei der Suche nach der „wahren“ Wirklichkeit: eben noch ein schäbiger grauweißer Kioskvorhang mit russischer Depressionsästhetik, dann wieder ein pittoreskes Pferdefuhrwerk, das die Chaussee entlangrumpelt wie zu Vorväters Zeiten – damals, als Anton Tchechows Brüder und Schwestern riefen: „Nach Moskau, nach Moskau!“

Nur einmal, kurz vor dem ersehnten Moskau, als es im Hotel wieder mal keine Dusche gibt und er zwischen Wintergärten und Trümmern seinen Weg sucht, bricht es aus dem tapferen Wanderer kulturpessimistisch und russland¬kritisch heraus: „Hausschrott. Staatsschrott. Essundtrinkschrott. Autoschrott. Atomschrott. Stadtlandflussschrott. Benimmschrott. Kirchenschrott. Seelenschrott (...) Was habt ihr aus eurem Land gemacht.“

Es ist das schönste Wunder dieses Buches, dass der Leser glücklich ist, den wilden Osten erleben zu können, ohne selbst einen Schritt vor die Tür zu setzen.

Nachwort von von Reinhard Mohr zu Berlin - Moskau. SPIEGEL-Edition Band 4 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Die Zeit, 10.04.2003
Als "großartige Reportage" feiert Ulrich Stock Wolfgang Büschers "Berlin - Moskau" und sieht den Autor "exakt in der Mitte" stehen zwischen den beiden Klassikern der modernen deutschen Reiseliteratur: Michael Holzach herzenswarmes "Deutschland umsonst" und Werner Herzogs expressives "Vom Gehen im Eis". Büscher wahre "die feine Balance zwischen Beobachtung und Reflektion; werden die Gedanken schwer, geht er einfach weiter, durch sie hindurch", notiert Stock. Am Ende der Lektüre, die "das Erhabene [nicht] vom Banalen" trenne, sei man "beglückt von der Erzählung", frage sich aber als Leser, warum seit 1989 noch niemand diese Reise unternommen hat. Der gemeinsame gesellschaftliche Blick "geht nach Westen", philosophiert der Rezensent und Büscher offenbare sich automatisch "als Sonderling", indem er die "elektrische Welt" hinter sich lässt und zu Fuß nach Osten aufbricht. Stock ruft ein Hoch auf den "literarischen Journalismus" aus, der durchaus noch Stärken gegenüber anderen Medien besitze, denn "Berlin-Moskau" als Film scheint ihm undenkbar, weil Büscher "irgendwo auf der nichtelektrischen Seite der Welt der Strom ausgegangen wäre."

© Perlentaucher Medien GmbH
Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 29.04.2003
Höchsten Respekt zollt Rezensent Roland Mischke dem Journalisten Wolfgang Büscher für sein Unternehmen, zu Fuß von Berlin nach Moskau zu reisen. Dieser "Bericht einer ganz persönlichen Osteroberung", befindet Mischke, hat nicht nur höchste Preise verdient, sondern gehört auch in den Deutschunterricht. Büscher durchquert - mit Zwei-Hosen-zwei-Hemden im Rucksack - zunächst Polen, das ihm noch "zu wenig Osten" ist, das "ungeheuer müde" Weißrussland mit seiner radioaktiv-verstrahlten Todeszone um Tschernobyl, er folgt den Routen der napoleonischen Heere und der Heeresgruppe Mitte und begreift, wie Mischke darstellt, dass "zwischen den Völkern nichts vorbei, nichts vergessen ist". Den Rezensenten haben schließlich nicht nur die ungeheuerlichen Erlebnisse des Autors auf seinem 2500-kilometerlangen Fußmarsch gefangengenommen, sondern auch die geschickt komponierte Dramaturgie des Buches.

© Perlentaucher Medien GmbH

Kurzbeschreibung

Wolfgang Büscher ist zu Fuß von Berlin nach Moskau gelaufen. Allein. An die drei Monate. Im Hochsommer hat er die Oder überquert, an der russischen Grenze hat er die Herbststürme erlebt und vor Moskau dann den ersten Schnee. Büscher erkundet Menschen und Orte, erzählt von einer polnischen Gräfin, die eine der geheimnisvollsten Gestalten des Zweiten Weltkriegs war; von Schmugglerinnen, mit denen er die weißrussische Grenze überquert; von einem sibirischen Yogi, den er in Minsk kennenlernt; einem russischen Freund, mit dem er in die verbotene Zone von Tschernobyl fährt.

Über den Autor

Wolfgang Büscher, geboren 1951, hat für die "Süddeutsche Zeitung", "Geo" sowie die "Neue Zürcher Zeitung" geschrieben und das Ressort Reportage bei der "Welt" geleitet. Heute ist er Autor der "Zeit". Wolfgang Büscher erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik, den Wilhelm-Müller-Literaturpreis, den Theodor-Wolff-Preis sowie den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis und 2006 den Ludwig-Börne-Preis.

Auszug aus Berlin-Moskau von Wolfgang Büscher. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

POLSKI ZEN
Mit dem Abt von Lubin trank ich grünen Tee. Er streute ein paar Körner braunen Reis hinein, trug ein schwarzes Versace T-Shirt und einen silbergrauen Versace-Bart, hatte ungefähr Gianni Versaces Statur und hieß auch so: Jan. Er war Zenmeister, Lubin ein Benediktinerkloster. Er zeigte mir Fotos. Seine Lehrer. Seine Schüler. Seine Brüder. Seine Reisen. Sein bester Freund, ein polnischer Jude buddhistischen Glaubens, der in Paris ein Zen-Do der koreanischen Richtung unterhielt.
Als ich ihm sagte, was ich vorhatte, holte er neue Fotos. Mönch mit Versace-Bart am Kreml, Mönch mit Versace-Bart auf dem Roten Platz. Und weil er, so gewiss er über nationalen Engherzigkeiten stand, eben doch ein Pole war, konnte er es sich nicht verkneifen, seinen deutschen Gast auf eine, wie er sagte, häufig vergessene Tatsache hinzuweisen: "Die einzigen, denen es gelang, Moskau lange zu besetzen, waren die Polen im Jahr 1618 - wussten Sie das? Napoleon hat es nur ein paar Wochen geschafft, und Hitler bekanntlich gar nicht."
Er legte noch ein Foto auf den Tisch. Mann mit Versace-Bart vor der Mauer des russischen Klosters Zagorsk bei Moskau. Er nickte mir zu, es genau zu betrachten, und sah dabei sehr zufrieden aus. "Da, schauen Sie! Nach dem Besuch der Polen 1618 wurden die Mauern von Zagorsk höher gebaut."
Es machte ihm Freude, mir das schwärzestmögliche Bild von den Russen mit auf den Weg zu geben. Freunde von ihm, begann er harmlos, seien nach Moskau gefahren, um mit russischen Partnern ein Geschäft zu verhandeln, man saß in einem Hotelzimmer, es lief nicht schlecht, dann habe irgendetwas die
Russen verstimmt. Einer habe plötzlich eine Maschinenpistole in der Hand gehalten, entsichert und den Verhandlungstisch perforiert, das sei das Ende der russischen Aktivitäten seiner Freunde gewesen. Von uns beiden war der Abt derjenige, den die Geschichte amüsierte.
Dann führte er mich durch die Klosterkirche, weltläufige bayerische Künstler waren vor zweihundertsiebzig Jahren gekommen und hatten Fresken gemalt, Bilder aller vier Welten, ein Indianer mit Lama, ein Japaner mit Schirm, ein afrikanischer Löwe, Shivas heilige Kuh. Weiter ging es an neunundfünfzig Engeln in Plastikhüllen vorbei, die Kirche wurde gerade renoviert, und mehrere Treppen hoch. Die geschlossenen Augen einer Renaissancemadonna setzten mir zu. Wohin rennst du, raunte sie, alles ist da, alle vier Welten sind nur ein Traum.
Der Meditationssaal der Mönche von Lubin sah aus wie viele andere Meditationssäle auch. Abgezogene Dielen, pastellfarbene Kissen, Decken, Fotos des Dalai Lama, wie er vor Ordensbrüdern die Regel des heiligen Benedikt interpretiert. Beim Abstieg kamen wir an Marmortäfelchen mit den Namen ermordeter Benediktiner vorüber. 1941 Wilna. 1942 Dachau. Und so weiter. Eine sonderbare Gewohnheit des Abtes war es, jeden November nach Auschwitz zu fahren, um dort stundenlang auf der eiskalten Erde zwischen den Gleisen zu sitzen. Auf der Selektionsrampe errichtete er einen kleinen Steinaltar und betete für die Seelen der Ermordeten und der Mörder. Er tat das mit Freunden aus allen möglichen Ländern und Religionen.
Wieder zeigte er Fotos, schwarzweiße diesmal. Das Bild der kleinen, gegen den Raureif vermummten Gruppe auf den Gleisen von Auschwitz erinnerte mich an eine Aktion deutscher Castor-Gegner, und meine Reaktion kam zuverlässig. Ich sagte nichts, aber ich dachte, das geht nicht. Das ist lächerlich und absurd. Dann sah ich den Mönch dasitzen in seinem Versace-Shirt und seiner suchenden Unfertigkeit und musste an die leise surrende Gedenkmaschine daheim denken, deutsche Wertarbeit, in der das Fallgeräusch eines einzigen lockeren Schräubchens zu einem Skandal führen konnte, und ich sah den Mönch und dachte, dass eine einzige lockere Schraube wertvoller ist als die ganze perfekte Maschine und ein einziger Suchender mehr wert als volle eintausend Gedenkingenieure, dann sah ich wieder seine dilettantischen Fotos und dachte, was der Abt in der Novemberkälte von Auschwitz tut und knipst, ist verrückt. Ein Moslem, er blies ein jüdisches Instrument, die Shofar, und ein Rabbiner, der die Umstehenden bat, je ein Wiegenlied ihrer Nation zu singen, und es war klar, den anwesenden Deutschen stockte jetzt der Atem. Erst ganz zuletzt stimmte eine deutsche Nonne tibetischer Konfession doch noch ein Kinderlied an: "Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht, mit Nelken bedeckt, schlupf unter die Deck, morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt." Wie lächerlich. Wie irre. Wie tapfer. Wer sucht, macht sich immer lächerlich vor der Welt. Das etwas zu laute Lachen des Bürgers über den Mystiker ist wie das Kichern kleiner Kinder, wenn die Großen von Sex reden. Aufgeregt, ahnungsbang.
Der Abt bot mir an, eine Weile im Kloster zu wohnen, ich dankte und lehnte ab. Plötzlich sprang er auf, es war sechs Uhr abends, die Brüder sangen schon. Bevor er verschwand, rief er mir noch schnell zu, wie er das Wort Kontemplation herleitete: "Contemplatio bedeutet eigentlich ertrinken." -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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