Was treibt einen Fünfzigjährigen dazu, "eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war" - Hochsommer kenn' ich, doch wann ist ein Sommer am tiefsten? - die Tür hinter sich zuzuziehen und "so geradeaus wie möglich nach Osten" loszumarschieren? Die Wanderstiefel geschnürt, das Kartenmaterial gesichtet und verstaut, und ab geht's: durch Ostdeutschland, Polen, Weißrussland und Russland, zu Fuß von Berlin nach Moskau. "... bald würden Angestellte in breiter Formation in ihre Büros fahren. Damit hatte ich nichts mehr zu tun." Keine Frage: Das kann ein Grund sein.
Von allen guten Geistern verlassen, geht's auf der Allee der Geister über Wege, Stege, Felder und Wälder, schnurstracks zur deutsch-polnischen Grenze. Durch Werder "mit seinen kommunistischen Dorfstraßen, die nach Karl Marx und Erich Thälmann heißen".
Wir begleiten Wolfgang Büscher, den wandernden Journalisten, vorbei an den Steinen von Seelow (Soldatenfriedhof Lietzen), auf der Allee der Gehenkten ("die ganze lange Chaussee von Müncheberg bis Küstrin an der Oder"); versöhnlicher ist da schon die Straße der Freundschaft, jedoch "die schnurgerade Allee war ein Vorgeschmack auf die Endlosigkeit des Ostens". Es ist Tour und Tortur, vorbei an den Kriegs- und Nachkriegsschauplätzen der Zeitgeschichte, den Zeiten des Kalten Krieges, Orte der Verdammnis, Plätze des realen Grauens, des Horrors und des Terrors, traurige Begegnungen auf einer 2.500 Kilometer langen Perlschnur. [So z.B. Katyn, nach Unglück und Unseligkeit erst vor wenigen Wochen erneut in den Mittelpunkt von Nachrichten und polnischer Trauer gerückt.]
Perlen? Ja. Denn Büschers Marsch macht und gibt auch Hoffnung. Dem Leser verschafft er Spannung. Man ist mit dabei, neben Kornfeldern, entlang an Sonnenblumenplantagen. "Auf dem Kietzer Friedhof lag ich unter Linden und Kastanien und sah einer Schnecke beim Aufstieg auf den Grabstein von Emil und Mina Munk zu". Grenzübertritt und rein in den polnischen Westen, "das sind endlose märkische Kiefernwälder, mit russischen Birken versetzt." Noch ganz am Anfang der Wanderschaft, gibt uns der hessische Wandervogel auch Gefühle und Stimmungen zum Besten, wenn er zum Beispiel Pilze roch, sie aber nicht fand. Oder: "... die Krähen hatten sich endlich auf einen Schlafbaum geeinigt. Ihr Gekreisch war meine tägliche Nachtmusik, (...), alles Land östlich von Berlin ist Krähenland." Geografische Besonderheiten im Landes Polska: "Polens Straßen laufen sternförmig auf lauter große und kleine Zentren zu, fast nie konnte ich parallel Wege gehen, es gab sie nicht."
Zwischenrein - so kurz vor Weißrussland - wird's auch schon mal folkloristisch, wenn der Autor "von Dörfern und Feldern und Wodka und Dörrfleisch und Dorfbrot, von Milchkrügen und von den Mädchen, die sie herbeitrugen" schreibt. Doch was soll's. Was Länder und Leute hergeben, gemischt mit den körperlichen Strapazen, die im Konzert mit Wind und Wetter mal so wie so ausfallen, bildet einen breiten und vielfältigen Fächer von Empfindungen und Launen. Das alles muss selbstverständlich festgehalten werden.
Trotz der Fußgängerei blieb sie auch Büscher nicht verschlossen - Osteuropa, ein "Kontinent der filigranen Gleise" -, die Eisenbahnromantik im besten Pasternak'schen Sinne.
Wolfgang Büscher schreibt literarisch. Die Lust auf das Wandern steht in nichts vor der Lust auf das Lesen. (Und die Lust aufs Lesen bringt Wanderlust.) In Beliza, das liegt im Westen Weißrusslands, vor Nowogrudok, ging Büscher "zum zweiten Mal über die Memel, die dort weite, wilde Augen hat." Weißrussland, kleinhügeliges Flachland der sogenannten Osteuropäischen Tiefebene, mit Sümpfen und Mooren zur Freude des Wandersmanns. Und immer wieder in und neben Land-, Stadt- und Ortschaften: Denkmäler. "Wenn das Land etwas im Überfluss hatte, waren es Monumente, die Erinnerung wog nach Tonnen."
Das Buch ist - wie schon bemerkt - zum großen Teil auch eine Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte. Und da darf auch die Beschäftigung mit den Herrschaftsstrukturen der letzten achtzig Jahre nicht fehlen: den ideologisch-politischen, den gesellschaftlichen wie auch den militärischen. Zu seiner ganz eigen(artig)en Betrachtung der sozialistischen Hinterlassenschaften - "Mitleid mit dem Kommunismus" - schreibt Büscher: "Er", der Kommunismus, "nahm menschliche Züge an. Alt war er. Er konnte nicht mehr. Ich ging durch sein gefallenes Reich, durch die Hallen wehte der Wind, Unkraut wuchs in seinen Sälen, ich traf ihn in seinem letzten Stadium an und betrachtete ihn mit der etwas angeekelten Neugier, mit der man einen alten Wüstling und Familientyrannen anschaut, jetzt, wo er nur noch die Ruine seiner lebenslangen Raserei ist, einer Empörung gegen Gott und die Welt, wie sie war, wie sie ist, wie sie sein wird." Großartig Büschers Vergleich mit der pervertierten Liebe eines patriarchalischen Unterdrückers. Der Kommunismus als ein "vor Vergeblichkeit zitternder kleiner Mann, der wütend versucht, eine gewaltige Frau zu besteigen und ihr unentwegt zuflüstert, aber ich liebe dich doch, ich liebe dich doch" - klingt bisschen nach Erich Mielke -, "folge mir, ich erlöse dich von deinen falschen Träumen, und der, während er auf ihr predigt und predigt, alles zerstört, was er berührt und am Ende sich selbst."
Herzergreifend die Erzählung "Die Liebe eines deutschen Hauptmanns", die Erinnerungen von Lisa Gutkowitsch. Nach Büschers Besuch der alten Dame in Minsk, die ihm einmal mehr die großartige Geschichte der Liebe des deutschen Hauptmanns Willi Schulz zu dem jüdischen Mädchen Ilse Stein, die sie, Lisa, in Teilen als Begleiterin und Zeitzeugin miterlebte, schilderte, - der deutsche Dokumentarfilm "Die Jüdin und der Hauptmann" basiert auf diesen Ereignissen - entstand eines der traurig-schönsten Kapitel in Büschers Buch.
Es sind die vielen kleinen und mittelgroßen Begegnungen, welche die Würze der Büscher'schen Erlebnisse ausmachen. Ein Abstecher brachte ihn in das "Zone" genannte radiologisch-ökologische Reservat, "dem Dreieck ganz im Süden des Landes zwischen den Flüssen Pripjet und Dnjepr, nördlich des ukrainischen Tschernobyl." Auf dem Weg dahin, in einem Museum, traf er auf einen "Enkel eines deutschen Kommunisten aus Michelstadt im Odenwald, der sich in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion abgesetzt hatte" - der Kommunist, nicht der Enkel. Es ging nach Dublin, was nichts mit Irland zu tun hat, sondern sich vielmehr herleitet aus "'dub', dem russischen Wort für Eiche". Zurück in Minsk lernen wir Büschers Marotte für die Minsker Hamburger-Tempel kennen: seine, wie er schreibt, Konstante, "einmal täglich eine der drei McDonald's-Filialen aufzusuchen, wegen der Toiletten."
Hinter Minsk lag das letzte Drittel der Reise, und "was jenseits von Minsk lag, lag jenseits meiner Vorstellung", so Büscher. "Die Meter waren mein Rosenkranz. Ich habe viel vor mich hingemurmelt östlich von Minsk." Übertritt der weißrussisch-russischen Grenze. Weil es mir auf meinen osteuropäischen Touren, die allerdings mit fahrbarem Untersatz stattfanden, schon ähnlich ging, finde ich die Anmerkung Büschers, in der er beschreibt wie er sich "plötzlich in die Pasternak-Zeit versetzt fühlte", besonders schön. Mystisch die Beschreibung des rätselhaften Wäldchens von Boris-Gleb, wo die Bildung auch schon mal zu Einbildung verzaubert werden kann. Gagarin, benannt nach dem in der Nähe geborenen Kosmonauten und ersten Menschen im All Juri Gagarin, "und die Sonne entzündete das Gold aller sieben Kuppeln der Kirche." Und so hangelt man sich Schritt für Schritt vor, auf nach Moskau.
Fast schon geflügelte Worte, Büschers Schrott-Allegorien: Vorbei ging es an "Schrott. Ungeheuere Mengen Schrott", hinterlassen am Rande der Unendlichkeit russischer Straßen, Wege, Pfade. "Hausschrott. Staatsschrott. Essundtrinkschrott. Autoschrott. Atomschrott. Stadtlandflussschrott. Benimmschrott. Kirchenschrott. Seelenschrott."
So wenig wie Warykino, der sibirische Landfleck in Pasternaks "Doktor Schiwago", so wenig auch ist Peredelkino ein Lichtspielhaus. Unweit außerhalb im Südwesten Moskaus entstand es als Datschensiedlung für die Avantgarde der sowjetrussischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Und dass es Wolfgang Büscher, nach seiner Ankunft in Moskau, quasi als Anhängsel und Abschluss seiner Wandertage noch dahin zog, lag nicht an Maxim Gorki oder sonst einem russischen Literaten oder einer Schriftstellerin, wie Anna Achmatowa oder Marina Zwetajewa, "der zähe, ortlos durch Europa schwirrende, bettelarme russische Kolibri" - vielleicht lag es an Sean Connery und Klaus Maria Brandauer (smile) -, sondern an seiner Sympathie und Verehrung für Boris Pasternak. Das inzwischen zum Waldstädtchen avancierte Künstlerdorf Peredelkino, "das verlorene Paradies, ich" - Büscher - "hatte mir sehr gewünscht, Pasternaks Haus zu besuchen."
Peredelkino. Pasternaks Haus. Boris Pasternak, Chruschtschows literarischer Albtraum. "Er war mutiger als die meisten und war doch mit dem Leben davongekommen." Ein krönender Ausklang einer pedestrischen Exkursion des Jahres 2001. Was bleibt sind das Buch "Berlin-Moskau - Eine Reise zu Fuß" und die Erinnerungen. "Wenn ich ausatme, atme ich Sommer aus."