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Berlin - Moskau. SPIEGEL-Edition Band 4
 
 
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Berlin - Moskau. SPIEGEL-Edition Band 4 [Gebundene Ausgabe]

Wolfgang Büscher
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Spiegel-Verlag (14. August 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3877630049
  • ISBN-13: 978-3877630044
  • Größe und/oder Gewicht: 20,6 x 13,2 x 2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (37 Kundenrezensionen)
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Wolfgang Büscher
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Ein Hemd, eine Hose, ein Paar Socken, Regen- und Fleecejacke, Rasierzeug, Karten und ein Schlafsack. Mehr ist es nicht, was Wolfgang Büscher auf seinem 82-tägigen Fußmarsch von Berlin nach Moskau in seinem Rucksack trägt -- und natürlich jede Menge Notizhefte, auf die er all die dramatischen und skurrilen Erfahrungen mit dem "wilden Osten" und seinen Bewohnern niederschreibt.

Das Buch ist natürlich kein gewöhnlicher Reiseführer. Keine einzige Landkarte findet sich hier, nicht einmal ein bescheidener Übersichtsplan über die 2.500 zurückgelegten Kilometer. Auch auf Bilder wurde komplett verzichtet. Es zählt nur das Wort. Und das ist wahrlich die Stärke von Büscher, der normalerweise das Ressort Reportagen bei der Welt leitet und 2002 mit dem angesehenen Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde.

Dass er diesen Preis zu Recht verliehen bekam, beweist er in Berlin-Moskau mit einem äußerst anregenden und feinfühligen Sprachstil, der selbst kriegerischen Grausamkeiten poetische Tupfer verpasst. Der Spiegel jedenfalls zeigt sich begeistert: "Die Niederschrift seiner Reiseerfahrungen gehört zum Besten, was in den letzten Jahren in deutscher Sprache erschienen ist", meldet das Nachrichtenmagazin!

Diese Begeisterung liegt auch daran, dass die Mauer der Unwissenheit immer noch nicht abgerissen ist: Zu wenig ist gemeinhin über Polen, Weißrussland und Russland bekannt -- und auch deshalb verfolgt man so gespannt, wie Büscher die fremden Orte und Menschen erkundet: Schmugglerinnen lernt man kennen, mit denen er die weißrussische Grenze überquert, einen sibirischen Yogi oder einen Russen, mit dem er in die verbotene Zone von Tschernobyl fährt.

Bei seinem Trip begegnet der Autor auch den Geistern der Vergangenheit. Schließlich beschreitet er fast exakt dieselbe Route, die sowohl Napoleon als auch Hitlers Heeresgruppe Mitte eingeschlagen hatten. Auch sein Großvater, den Büscher nie sah, musste im Zweiten Weltkrieg hier entlang marschiert sein. Und so bekommt der Reisebericht mitunter eine sehr persönliche und emotionale Note, wenn sich der Autor vorstellt, "gerade über ihn zu gehen, ohne dass er es merkt. Einfach durch ihn hindurchzugehen wie der Wind". Ein ungewöhnlicher Bestseller! --Christian Haas -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Der Spiegel

Zu Fuß im wilden Osten
Mit diesem Buch wurde Wolfgang Büscher bekannt, ja sogar ein wenig berühmt. Die atemraubende Erzählung seines 82-tägigen Fußmarsches von Berlin nach Moskau im Sommer 2001 war nicht nur ein gefeierter Bestseller, vom Publikum geliebt, von den Kritikern gelobt – sie war auch ein Opus magnum, ein Werk, dessen literarische Qualität schwer zu überbieten sein wird. Auch wenn Büscher, inzwischen Autor der Wochenzeitung „Die Zeit“, auf Vorschlag von Bundespräsident Horst Köhler den Ludwig-Börne-Preis 2006 für sein jüngstes Buch „Deutschland, eine Reise“ erhielt – sein Meisterwerk hat er schon 2003 abgeliefert. Es ist immer noch schwer zu entscheiden, was mehr Bewunderung verdient: der Mut, sich völlig allein auf den über 2500 Kilometer langen Weg zu machen, die Zähigkeit und Ausdauer des Rucksackreisenden, der morgens nicht wusste, ob er abends irgendeine Schlafgelegenheit finden würde, oder die nie versiegende Neugier der Beobachtung, die sich in einer ebenso reflektierenden wie phantasiereichen Prosa niederschlug.

Schon zu Beginn zieht es, stilistisch zwischen Alfred Döblin und Céline angesiedelt, den Leser in seinen Bann: „Verkehr kam auf, in den Alleen schrien die Vögel, zitternd sprang die Stadt an...“ In extra angefertigten Wanderstiefeln brach er an diesem frühen Morgen auf und folgte der Strecke, die schon Napoleon und Hitlers Heeresgruppe Mitte genommen hatten. Es dauert nicht lang, und er passiert jene „Allee der Gehenkten“ kurz vor den Seelower Höhen, wo die SS 1945 Deserteure an Bäumen aufgeknüpft hatte.

Doch Einbildungskraft und Sprachvermögen des Autors ver¬wandeln selbst die Erinnerung an vergangenes Grauen in leuchtende poetische Gegenwärtigkeit. Innerhalb eines Satzes verbindet er genaue Betrachtung, ästhetische Inszenierung und geschichtsbewusste Reflexion. So ist Büschers Erkundung der östlichen „Terra incognita“ weder ein Selbsterfahrungstrip im Ich-Ich-Ich-Tremolo noch eine gebildete, aber langweilige Vermessung der postsowjetischen Welt: Der Wanderer aus Deutschland komponiert die Bruch- und Fundstücke aus dem „Tagebau des Tragischen“ derart virtuos, dass das anspruchsvolle Werk sogar unterhaltsamer ist als manch marktgerecht hingedrechselte Zeitgeist-Fibel.

Die Beschreibung eines Augenblicks, die Skizze einer Person, Gesellschaftsanalyse wie unterm Mikroskop – alles passiert wie im Vorübergehen und ist doch präzise und eindringlich. Ob in Tschernobyl oder Katyn, im endlosen Landregen auf der einsamen Straße oder in einem weißrussischen Schmugglerinnenbus – falsche Romantik kommt nie auf. Doch das ganze Unternehmen entspringt durchaus einer romantischen Idee, ein bisschen so wie bei Johann Gottfried Seume, der vor zweihundert Jahren von Sachsen nach Syrakus lief.

Auch bei Büscher fasziniert vor allem der ständige Perspektivenwechsel bei der Suche nach der „wahren“ Wirklichkeit: eben noch ein schäbiger grauweißer Kioskvorhang mit russischer Depressionsästhetik, dann wieder ein pittoreskes Pferdefuhrwerk, das die Chaussee entlangrumpelt wie zu Vorväters Zeiten – damals, als Anton Tchechows Brüder und Schwestern riefen: „Nach Moskau, nach Moskau!“

Nur einmal, kurz vor dem ersehnten Moskau, als es im Hotel wieder mal keine Dusche gibt und er zwischen Wintergärten und Trümmern seinen Weg sucht, bricht es aus dem tapferen Wanderer kulturpessimistisch und russland¬kritisch heraus: „Hausschrott. Staatsschrott. Essundtrinkschrott. Autoschrott. Atomschrott. Stadtlandflussschrott. Benimmschrott. Kirchenschrott. Seelenschrott (...) Was habt ihr aus eurem Land gemacht.“

Es ist das schönste Wunder dieses Buches, dass der Leser glücklich ist, den wilden Osten erleben zu können, ohne selbst einen Schritt vor die Tür zu setzen.

Nachwort von von Reinhard Mohr zu Berlin - Moskau. SPIEGEL-Edition Band 4


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26 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von ludwigwitzani TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Drei Vorzüge besitzt das vorliegende Buch, und jeder einzelne wäre schon Grund genug, das Werk zu kaufen. Zunächst handelt es sich um klassische Reiseliteratur - um die Beschreibung einer Reise zu Fuß von Berlin nach Moskau auf dem allereinfachsten Niveau mitsamt den abenteuerlichen Unwägbarkeiten und Verwicklungen, die mit einer solchen Tour verbunden sind. Sodann bietet das Buch das Portrait einer ganz speziellen Kulturlandschaft, die sich nur auf dem Hintergrund der europäischen Geschichte erschließt: die Region entlang der Routen der Napoleonischen und der nationalsozialistischen Armeen gen Osten und der Roten Armee in der umgekehrten Richtung nach Westen. Der dritte und möglicherweise herausragende Vorzug des Buches besteht in seiner prägnanten und zugleich poetischen Sprache, die jedes einzelne Kapitel zu einem literarischen Genuss macht.
Die Reise beginnt an einem heißen Sommerabend in Berlin und führt den Autor zunächst durch den skurrilen Osten Deutschlands nach Polen - mitten hinein in die geschichtlichen Erinnerungen an Adelsgeschlechter, Vereinigungsverlierer und preußische Ruinen. Bis an die Grenze Weisrusslands geleitet ihn ein Staffettendienst gutwilliger Lehrerinnen, dann aber betritt er das schrille Reich des Lukascheniko, einen kafkaesken Zombiestaat, in dem es bizarre Gestalten zu treffen und unglaubliche Geschichten zu erinnern gibt. Ein assyrischer Yogi aus Sibirien, die Liebe eines SS Offiziers zu einer Jüdin im KZ, das Leben im Umkreis von Tschernobyl, die totalitäre Atmosphäre der weißrussischen Hauptstadt Minsk - diese und andere Passagen werden inmitten solch haarsträubender Alltagserlebnisse und Übernachtungsabenteuern eingestreut und entfaltet, dass dem Pauschaltouristen in seinem warmen Sessel das kalte Grausen überkommen mag. Der Sommer brennt auf den Wanderer hernieder, ein kurzer Herbst mit scharfen Regengüssen bricht über ihn herein, dann ist der Winter da, früh und scharf wie im September 1941, als die deutschen Armeen kurz vor Moskau stecken blieben. Auch im September 2001 ist es bitter kalt in Russland, als der Autor die Schaschlikbuden der Autobahn entlang immer weiter gen Osten wandert. Auf einmal ist dann Moskau erreicht, der Endpunkt der Reise, der jedoch kein Zielpunkt ist, ein plötzlich fremd wirkender urbaner Moloch, der unversehens wieder die Sehnsucht nach den osteuropäischen Weiten, seinen Menschen und seinen Geschichten aufkommen lässt. Ein wunderbares Buch, für alle die den Grossen Osten lieben.
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Ex oriente lux 14. Januar 2007
Format:Taschenbuch|Von Amazon bestätigter Kauf
Freunde, die meinen Hang zu einsamen Wanderungen kennen, haben mir in jüngster Zeit zwei Bücher zu diesem Thema geschenkt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das eine beschreibt den frohgemuten Pilgerzug eines Narren ans westliche Ende der europäischen Welt, das andere, von dem hier die Rede ist, erzählt vom langen Marsch eines einsamen Wanderers auf dem engen Weg ins östliche Licht. Den einen Weg bin ich auch selbst gegangen, freiwillig und im Alter, auf dem anderen vor vielen Jahren im Winter, als Kind und gezwungenermaßen, lediglich ein Stück in der anderen Richtung.

Büschers Weg von Berlin nach Moskau war der beschwerlichere, der gefährlichere, der längere und langweiligere, fast unverständlich in seiner Motivation. Er war aber ohne Zweifel wichtiger für den Wanderer selbst, und ist für uns, die wir seinen Bericht lesen dürfen, von größerer Bedeutung. Er erschließt uns Bereiche unserer Geschichte, über die wir lange nur propagandistisch gefärbte Darstellungen lesen durften, aus denen man nichts lernen konnte und die einen über die wahren historischen Umstände und Ereignisse hinwegtäuschten, ad majorem Dei gloriam.

Wir begleiten Büscher auf den einzelnen Stationen seines Weges und erleben mit ihm die unglaubliche Vielfalt der Einzelschicksale der Menschen, denen er begegnet. Hier spiegeln sich alle historischen Ereignisse, die das turbulente 20. Jahrhundert geformt haben. Diese Menschen waren handelnde und gleichzeitig leidende Akteure, haben Verbrechen begangen und sind Opfer von Verbrechen geworden, haben zu falschen Göttern gebetet und vielleicht am Ende ihres Lebens ihre Irrwege erkannt und bereut.

Die Begegnungen des Autors mit den Menschen, die er unterwegs trifft, zeigen uns die großen Gefahren, die alle großen Heilsideen, alle globalen Lösungen ein für allemal mit sich bringen. Sie lehren uns auch, misstrauisch zu sein gegenüber Dogmen, denen wir uns unterwerfen müssen, die sich aber schon bald als wertlose Worthülsen erweisen, und lediglich dazu dienen, die wohlmeinende Menschheit an der Nase herumzuführen gegen einen vermeintlichen Feind.

Büscher hat uns einen geistigen Weg gebahnt, den wir alle gehen sollten. Wer von ihm einen Reiseführer mit nützlichen Hinweisen für einen Spaziergang von Berlin nach Moskau erwartet hat, kommt hier nicht auf seine Kosten und sollte sich besser einer Gruppenreise anschließen, das ist weniger anstrengend und es gibt besseres Essen.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Was treibt einen Fünfzigjährigen dazu, "eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war" - Hochsommer kenn' ich, doch wann ist ein Sommer am tiefsten? - die Tür hinter sich zuzuziehen und "so geradeaus wie möglich nach Osten" loszumarschieren? Die Wanderstiefel geschnürt, das Kartenmaterial gesichtet und verstaut, und ab geht's: durch Ostdeutschland, Polen, Weißrussland und Russland, zu Fuß von Berlin nach Moskau. "... bald würden Angestellte in breiter Formation in ihre Büros fahren. Damit hatte ich nichts mehr zu tun." Keine Frage: Das kann ein Grund sein.

Von allen guten Geistern verlassen, geht's auf der Allee der Geister über Wege, Stege, Felder und Wälder, schnurstracks zur deutsch-polnischen Grenze. Durch Werder "mit seinen kommunistischen Dorfstraßen, die nach Karl Marx und Erich Thälmann heißen".

Wir begleiten Wolfgang Büscher, den wandernden Journalisten, vorbei an den Steinen von Seelow (Soldatenfriedhof Lietzen), auf der Allee der Gehenkten ("die ganze lange Chaussee von Müncheberg bis Küstrin an der Oder"); versöhnlicher ist da schon die Straße der Freundschaft, jedoch "die schnurgerade Allee war ein Vorgeschmack auf die Endlosigkeit des Ostens". Es ist Tour und Tortur, vorbei an den Kriegs- und Nachkriegsschauplätzen der Zeitgeschichte, den Zeiten des Kalten Krieges, Orte der Verdammnis, Plätze des realen Grauens, des Horrors und des Terrors, traurige Begegnungen auf einer 2.500 Kilometer langen Perlschnur. [So z.B. Katyn, nach Unglück und Unseligkeit erst vor wenigen Wochen erneut in den Mittelpunkt von Nachrichten und polnischer Trauer gerückt.]

Perlen? Ja. Denn Büschers Marsch macht und gibt auch Hoffnung. Dem Leser verschafft er Spannung. Man ist mit dabei, neben Kornfeldern, entlang an Sonnenblumenplantagen. "Auf dem Kietzer Friedhof lag ich unter Linden und Kastanien und sah einer Schnecke beim Aufstieg auf den Grabstein von Emil und Mina Munk zu". Grenzübertritt und rein in den polnischen Westen, "das sind endlose märkische Kiefernwälder, mit russischen Birken versetzt." Noch ganz am Anfang der Wanderschaft, gibt uns der hessische Wandervogel auch Gefühle und Stimmungen zum Besten, wenn er zum Beispiel Pilze roch, sie aber nicht fand. Oder: "... die Krähen hatten sich endlich auf einen Schlafbaum geeinigt. Ihr Gekreisch war meine tägliche Nachtmusik, (...), alles Land östlich von Berlin ist Krähenland." Geografische Besonderheiten im Landes Polska: "Polens Straßen laufen sternförmig auf lauter große und kleine Zentren zu, fast nie konnte ich parallel Wege gehen, es gab sie nicht."

Zwischenrein - so kurz vor Weißrussland - wird's auch schon mal folkloristisch, wenn der Autor "von Dörfern und Feldern und Wodka und Dörrfleisch und Dorfbrot, von Milchkrügen und von den Mädchen, die sie herbeitrugen" schreibt. Doch was soll's. Was Länder und Leute hergeben, gemischt mit den körperlichen Strapazen, die im Konzert mit Wind und Wetter mal so wie so ausfallen, bildet einen breiten und vielfältigen Fächer von Empfindungen und Launen. Das alles muss selbstverständlich festgehalten werden.

Trotz der Fußgängerei blieb sie auch Büscher nicht verschlossen - Osteuropa, ein "Kontinent der filigranen Gleise" -, die Eisenbahnromantik im besten Pasternak'schen Sinne.

Wolfgang Büscher schreibt literarisch. Die Lust auf das Wandern steht in nichts vor der Lust auf das Lesen. (Und die Lust aufs Lesen bringt Wanderlust.) In Beliza, das liegt im Westen Weißrusslands, vor Nowogrudok, ging Büscher "zum zweiten Mal über die Memel, die dort weite, wilde Augen hat." Weißrussland, kleinhügeliges Flachland der sogenannten Osteuropäischen Tiefebene, mit Sümpfen und Mooren zur Freude des Wandersmanns. Und immer wieder in und neben Land-, Stadt- und Ortschaften: Denkmäler. "Wenn das Land etwas im Überfluss hatte, waren es Monumente, die Erinnerung wog nach Tonnen."

Das Buch ist - wie schon bemerkt - zum großen Teil auch eine Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte. Und da darf auch die Beschäftigung mit den Herrschaftsstrukturen der letzten achtzig Jahre nicht fehlen: den ideologisch-politischen, den gesellschaftlichen wie auch den militärischen. Zu seiner ganz eigen(artig)en Betrachtung der sozialistischen Hinterlassenschaften - "Mitleid mit dem Kommunismus" - schreibt Büscher: "Er", der Kommunismus, "nahm menschliche Züge an. Alt war er. Er konnte nicht mehr. Ich ging durch sein gefallenes Reich, durch die Hallen wehte der Wind, Unkraut wuchs in seinen Sälen, ich traf ihn in seinem letzten Stadium an und betrachtete ihn mit der etwas angeekelten Neugier, mit der man einen alten Wüstling und Familientyrannen anschaut, jetzt, wo er nur noch die Ruine seiner lebenslangen Raserei ist, einer Empörung gegen Gott und die Welt, wie sie war, wie sie ist, wie sie sein wird." Großartig Büschers Vergleich mit der pervertierten Liebe eines patriarchalischen Unterdrückers. Der Kommunismus als ein "vor Vergeblichkeit zitternder kleiner Mann, der wütend versucht, eine gewaltige Frau zu besteigen und ihr unentwegt zuflüstert, aber ich liebe dich doch, ich liebe dich doch" - klingt bisschen nach Erich Mielke -, "folge mir, ich erlöse dich von deinen falschen Träumen, und der, während er auf ihr predigt und predigt, alles zerstört, was er berührt und am Ende sich selbst."

Herzergreifend die Erzählung "Die Liebe eines deutschen Hauptmanns", die Erinnerungen von Lisa Gutkowitsch. Nach Büschers Besuch der alten Dame in Minsk, die ihm einmal mehr die großartige Geschichte der Liebe des deutschen Hauptmanns Willi Schulz zu dem jüdischen Mädchen Ilse Stein, die sie, Lisa, in Teilen als Begleiterin und Zeitzeugin miterlebte, schilderte, - der deutsche Dokumentarfilm "Die Jüdin und der Hauptmann" basiert auf diesen Ereignissen - entstand eines der traurig-schönsten Kapitel in Büschers Buch.

Es sind die vielen kleinen und mittelgroßen Begegnungen, welche die Würze der Büscher'schen Erlebnisse ausmachen. Ein Abstecher brachte ihn in das "Zone" genannte radiologisch-ökologische Reservat, "dem Dreieck ganz im Süden des Landes zwischen den Flüssen Pripjet und Dnjepr, nördlich des ukrainischen Tschernobyl." Auf dem Weg dahin, in einem Museum, traf er auf einen "Enkel eines deutschen Kommunisten aus Michelstadt im Odenwald, der sich in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion abgesetzt hatte" - der Kommunist, nicht der Enkel. Es ging nach Dublin, was nichts mit Irland zu tun hat, sondern sich vielmehr herleitet aus "'dub', dem russischen Wort für Eiche". Zurück in Minsk lernen wir Büschers Marotte für die Minsker Hamburger-Tempel kennen: seine, wie er schreibt, Konstante, "einmal täglich eine der drei McDonald's-Filialen aufzusuchen, wegen der Toiletten."

Hinter Minsk lag das letzte Drittel der Reise, und "was jenseits von Minsk lag, lag jenseits meiner Vorstellung", so Büscher. "Die Meter waren mein Rosenkranz. Ich habe viel vor mich hingemurmelt östlich von Minsk." Übertritt der weißrussisch-russischen Grenze. Weil es mir auf meinen osteuropäischen Touren, die allerdings mit fahrbarem Untersatz stattfanden, schon ähnlich ging, finde ich die Anmerkung Büschers, in der er beschreibt wie er sich "plötzlich in die Pasternak-Zeit versetzt fühlte", besonders schön. Mystisch die Beschreibung des rätselhaften Wäldchens von Boris-Gleb, wo die Bildung auch schon mal zu Einbildung verzaubert werden kann. Gagarin, benannt nach dem in der Nähe geborenen Kosmonauten und ersten Menschen im All Juri Gagarin, "und die Sonne entzündete das Gold aller sieben Kuppeln der Kirche." Und so hangelt man sich Schritt für Schritt vor, auf nach Moskau.

Fast schon geflügelte Worte, Büschers Schrott-Allegorien: Vorbei ging es an "Schrott. Ungeheuere Mengen Schrott", hinterlassen am Rande der Unendlichkeit russischer Straßen, Wege, Pfade. "Hausschrott. Staatsschrott. Essundtrinkschrott. Autoschrott. Atomschrott. Stadtlandflussschrott. Benimmschrott. Kirchenschrott. Seelenschrott."

So wenig wie Warykino, der sibirische Landfleck in Pasternaks "Doktor Schiwago", so wenig auch ist Peredelkino ein Lichtspielhaus. Unweit außerhalb im Südwesten Moskaus entstand es als Datschensiedlung für die Avantgarde der sowjetrussischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Und dass es Wolfgang Büscher, nach seiner Ankunft in Moskau, quasi als Anhängsel und Abschluss seiner Wandertage noch dahin zog, lag nicht an Maxim Gorki oder sonst einem russischen Literaten oder einer Schriftstellerin, wie Anna Achmatowa oder Marina Zwetajewa, "der zähe, ortlos durch Europa schwirrende, bettelarme russische Kolibri" - vielleicht lag es an Sean Connery und Klaus Maria Brandauer (smile) -, sondern an seiner Sympathie und Verehrung für Boris Pasternak. Das inzwischen zum Waldstädtchen avancierte Künstlerdorf Peredelkino, "das verlorene Paradies, ich" - Büscher - "hatte mir sehr gewünscht, Pasternaks Haus zu besuchen."

Peredelkino. Pasternaks Haus. Boris Pasternak, Chruschtschows literarischer Albtraum. "Er war mutiger als die meisten und war doch mit dem Leben davongekommen." Ein krönender Ausklang einer pedestrischen Exkursion des Jahres 2001. Was bleibt sind das Buch "Berlin-Moskau - Eine Reise zu Fuß" und die Erinnerungen. "Wenn ich ausatme, atme ich Sommer aus."
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