Dass Lou Reed nie ein begnadeter Sänger gewesen war und auch weiterhin sein wird, muss man nicht erst nach diesem "Berlin" Concert eingestehen. Diesen Mangel hat er aber durch scharfsinnige Beobachtung seines Milieus, seiner unmittelbaren Umgebung - "seinem New York" in prosaischen Versen mit Musik unterlegt, locker wettgemacht. Dass natürlich gewisse chemische Substanzen dabei hilfreich gewesen sein mögen, ist unbestritten. Und so mag es seltsam anmuten, wenn ein ein End-Sechziger - "as clean as clean can be" nach 35 Jahren auf die Idee kommt, ein Album wie "Berlin" live aufzuführen, dessen Lyrik und Musik eine so beklemmende, melancholische und teilweise depressive und dichte Atmosphäre erzeugte und es nur für wenige Menschen zugänglich war. Nicht nur dass dieses Album "live" aufzuführen ansich schon eine Herausforderung darstellt, um wie viel schwerer muss es sein, für einen alternden Zyniker wie Lou es eben mal ist, der heute so "straight" und "abgeklärt" wirkt, nach all den vergangenen Jahren ein solch "gewaltiges" Album glaubhaft wiederzugeben?!? Und ganau an dieser Stelle kollidieren Anspruch und Wirklichkeit. Wie bereits im ersten Satz erwähnt, fällt einem interessierten Zuhörer zunächst die Dissonanz Lou's Gesang auf. Zu häufig trifft er die Töne nicht, was meist geschickt durch den sagenhaften Chor leicht kaschiert wird. Manche Textpassagen spricht er nur und - was noch wesentlich mehr auffällt - diese viel zu hastig. Eigentlich rezitiert er seine eigenen Texte, leider nicht sonderlich eindrucksvoll. Musikalisch sind manche Songs einfach zu brachial instrumentiert. Es entsteht einfach keine dichte Atmosphäre, keine Spannung, nichts bleibt dem geneigten Zuhörer im Gehör, noch weniger bietet es dem Zuhörer sich mit dem Dargebotenen psychisch und geistig mit dem Inhalt der Songs auseinanderzusetzen. Betrachtet man alles Gesehene und Gehörte als Ganzes, so könnte man es als ein "nettes Happening" umschreiben. Nicht weniger und nicht mehr. Schade um die vertane Chance die sich Lou bot. Persönlich bevorzuge ich die "Berlin" von 1973, die ich auf Anhieb mochte, war sie doch ein starker Kontrast zur "Transformer". An grauen Wintertagen kann man sich so richtig schön seiner Melancholie hingeben, vielleicht sich auch selber ein wenig bedauern. Um nicht in einem Tränental zu ertrinken, empfehle ich als Rettungsboje, es vielleicht mal mit "Metal Machine Music" zu versuchen. Auch das ist ein Teil Lou Reeds - Kontraste eben. Von daher betrachte ich die "Berlin live" als einen Ausrutscher.