Berlin ruft - wer die Musik mag, wird auch vom Film begeistert sein. Und was die Höhenflüge des sagenhaften I(c)karus angeht: "Berlin Calling" hat sich seine fünf Sterne gleich mehrfach verdient.
Da wäre erstens die Szene. Erst, wenn man diesen genialen Wurf von Autor und Regisseur Hannes Stöhr (38) sieht, merkt man, wie hoffnungslos viele andere "junge" Filme in ihrem Bild der Zeit wieder hinterherhinken. So nah am Geschehen lebt man als Zuschauer selten. Und selten kommt das Geschehen so überzeugend rüber, wirkt nicht geschminkt und nicht aufgesetzt, sondern "real life".
Zum zweiten die Musik. Als früh Geborener hat man ja viele Musiktrends kommen und manche gehen sehen. Absolut aufregend finde ich, dass es immer wieder gelingt, neue und faszinierende Stile und Arrangements zu entwickeln, wobei das Meiste zunächst keineswegs von Profis entwickelt wird, sondern in abgegrenzten Szenen wächst. Dabei steht zunächst die Mache vor der Musikalität - gerade bei Elektro schien in den Anfängen manchen der Besitz einer geeigneten Software schon ausreichend, um Leute akustisch zuzumüllen. Doch das ist Vergangenheit - inzwischen hat sich der Trend mit Musikalität verbündet. Paul Kalkbrenner ist genau der Initialzünder, der Begeisterung für diesen Stil geweckt hat; denn zum Neuen kommt hier das Gespür und das nötige Talent.
Paul Kalkbrenner spielt - sicher auch ein wenig sich selbst - den DJ Ickarus (berlinerisch kurz: Icka), der für seine Sounds lebt, von den Partygängern und von der soliden Mathilde (Rita Lengyel, 35) geliebt wird, aber auch "so ziemlich alles im Blut hat, was heutzutage auf dem Markt ist".
Immer genial an der Grenze zur Karikatur, aber ohne den Boden zu verlieren, erzählt der Film die Geschichte dieses Icka, der im mehrfachen Sinne auf dem Rausch erster Erfolge abhebt und unsanft landet: Im Kuckucksnest. Dort hat Prof. Dr. P.P. (Corinna Harfouch, 54) das Sagen. Die Frau wird wirklich immer besser... Aber natürlich muss es erst noch weiter abwärts gehen, bis Icka sich wieder erholen kann, es gibt ein paar Verwicklungen und etliche teils göttlich inszenierte Ausraster, aber das Ganze ist ja - bei aller Deutlichkeit der Drogenproblematik - ein unter dem Strich doch optimistischer Unterhaltungsfilm.
Anschauen macht Freude, Bild- und Tonqualität sind vom Feinsten - ich habe den Film in HD gesehen. Das Originalformat des auf 35 mm gedrehten Streifens ist 1.85:1. Die Extras werden ausführlich bei der Produktbeschreibung aufgelistet. Das Video von "Sky & Sand" verwendet Szenen des Films.
Den Soundtrack kann man als CD kaufen
Berlin Calling oder runterladen:
Berlin Calling - The Soundtrack by Paul Kalkbrenner - vom Vinyl mal ganz abgesehen...
Gerade weil die Szene unbefangen und unvoreingenommen gezeigt wird, werden auch Probleme des Kontrollverlustes realistisch deutlich. Somit ist der Film auch durchaus für Jugendliche geeignet.
Womit wir bei den dritten Grund für die 5 Sterne wären: Einen Film, der in die beste aktuelle Musik einführt, der die Jugendszene der Zeit erlebbar macht, der blendend unterhält, vorzüglich besetzt ist und viel Stoff zum Nachdenken bietet, den findet man wirklich nicht an jeder Mauer.
film-jury 5* A0398 7.12.2010eg Genre: Komödie | Drama | Musik