Dieser Meinung ist auf jeden Fall Kempe in seinem ungemein informativen und fesselnd geschriebenen Buch. Frederick Kempes Mutter war Berlinerin, in Pankow geboren, und wanderte 1930 in die USA aus, wo sie ihren Mann, der aus einem kleinen sächsischen Ort stammte, kennenlernte. Insoweit hat der Autor, der 25 Jahre als Journalist für das Wall Street Journal gearbeitet hat, einen engen persönlichen Bezug zu Berlin. Seine Darstellung der dramatischen Entwicklung, die im Bau der Mauer endete, ist gewissermassen mit Herzblut geschrieben. Ein grosser Wert des Buches liegt darin, dass Quellen ausgewertet werden konnten, die erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zugänglich wurden. Dabei arbeitet sich der Autor Woche für Woche, bisweilen Tag für Tag, von Schauplatz zu Schauplatz eilend bis zum 13. August und den Wochen danach vor. Das Buch ist dabei fundiert aber zugleich in gutem Sinne reportagehaft geschrieben. Im Mittelpunkt stehen Chrustschew und Kennedy - als die beiden Protagonisten des Ost-West-Konflikts. Der charismatische neu gewählte Präsident der USA auf der einen und der mit allen Wassern gewaschene Machtpolitiker aus der UdSSR auf der anderen Seite. Für mich, der ich als Elfjähriger aus unmittelbarster Nähe den Mauerbau miterlebte, war dabei am spannendesten, wie in diesem Werk Kennedy entzaubert wird. Kempe arbeitet heraus, dass er nicht der strahlende jugendliche Held war, sondern ein unerfahrenes Greenhorn, das sich von Chrustschew zuerst beim Wiener Gipfeltreffen und später auch in den Augusttagen an der Nase herumführen liess. Nach Meinung des Autors hätte bei einem entschiedenerem Auftreten der Amerikaner die Teilung der Stadt verhindert werden können. Doch diejenigen, die sich wie Lucius D. Clay vor Ort für eine solche etwas aggressivere Politik einsetzten, wurden vom weissen Haus zurückgepfiffen. Kempes These ist sicher kritisch zu hinterfragen - denn die Welt stand damals am Rand einer atomaren Katastrophe. Auch kann niemand wissen, wie sich die Dinge entwickelt hätten, wenn die USA dagegengehalten hätten und dies zwar die mauer verhindert dann aber zum Sturz Chrustschews geführt hätte. Denn auch dies arbeitet Kempe plastisch heraus: Die Führer der beiden Grossmächte standen unter grossem Druck der Falken im eigenen Land und agierten deshalb häufig weniger konziliant als es ihnen eigentlich recht war.