Vorwarnung:
Das wird wieder mal eine ellenlange überschwängliche Huldigung an ein meisterhaftes BBC-Werk. Daher stelle ich die Zusammenfassung gleich voran, damit der Wenigleser und Schnellentschlossene durch meine Schwärmerei nicht unnötig lange vom Kauf abgehalten wird ;-)
Fazit:
Berkeley Square ist eine großartige, süchtig machende Serie, die ich von der ersten bis zur letzten Minute genossen habe, bei der ich mitgebangt, mitgelacht und mitgelitten habe wie es sich für ein hochkarätiges BBC-Period-Drama einfach gehört.
Inhalt:
Die Geschichte spielt im Jahre 1902 kurz vor und nach der Krönung von König Edward. Drei junge Frauen mit unterschiedlichem Wesen und Vorgeschichte sind die zentralen Figuren dieser Serie, sie leben in verschiedenen herrschaftlichen Häusern am Berkeley Square und sind dort die Nannies bzw. Hilfsnannies für die Kinder der Upper-Class. Bei ihren Spaziergängen im Park lernen sie sich kennen und beginnen eine Freundschaft, die viel aushalten muss.
Matty Wickham (Clare Wilkie) ist eine erfahrene und resolute Nanny. Die Eltern ihrer drei Schützlinge stecken in einer Ehekrise, die Mutter ist an ihrem Nachwuchs wenig interessiert und kümmert sich nur um ihr amouröses Abenteuer mit dem attraktiven Captain Mason. Matty tut sich schwer, sich in die Strukturen, die unter der Dienerschaft herrschen, einzureihen zumal es bei denen einige haarsträubende Geheimnisse zu hüten gilt.
Lydia Weston (Tabitha Wady) ist ein einfaches Mädchen vom Land. Für sie ist der Sprung in das Kinderzimmer von Baby Ivo ein großer gesellschaftlicher Aufstieg. Sie muss allerdings erst das Vertrauen der altgedienten und kratzbürstigen Nanny Collins erwerben. Erschwerdend kommt hinzu, dass Lydia ihre liebe Not mit der Liebe hat, denn der junge Mann, den sie gerne mag interessiert sich nicht für sie, und derjenige, der sich über Gebühr für sie interessiert - nämlich der erwachsene Sohn des Hauses - macht ihr das Leben sehr schwer.
Hannah Randall (Victoria Smurfit) hat Probleme ganz anderer Art. Als der adelige Vater ihres unehelichen Kindes tödlich verunglückt wird sie von zu Hause vertrieben. Sie versucht in London Arbeit zu finden. Im Armenviertel Limehouse lernt sie die polnisch-jüdische Emigrantin Mrs. Bronowski kennen, die ihr hilft. Hannah erschleicht sich mit einem gefälschten Zeugnis endlich eine Stellung als Hilfsnanny. Der kleine Junge Bertie und das Baby Charlie werden von der bösartigen und habgierigen Nanny Simmons betreut und als die Eltern der Kinder für lange Zeit nach Indien reisen, lassen sie die Kleinen alleine beim Personal zurück. Für Hannah beginnt ein aufreibendes Leben zwischen der Sorge um ihr eigenes Kind, das sie in Limehouse versteckt zurücklassen muss, und dem Kampf um das Wohlergehen ihrer Schützlinge. Eine Tragödie bahnt sich an.
Lob, Lob, Lob:
Diese BBC-Serie von 1998 hat 10 Teile à 50 Minuten und ist ein echtes Juwel, eine Art modernisiertes "Haus am Eton Place", bei dem es hauptsächlich um die Sorgen und Nöte der dienenden Klasse geht. Die herrschende, aristokratische Schicht sieht meist nicht sehr gut aus, wenn sie mit all ihren läppischen Eitelkeiten und oberflächlichen Vergnügungen vorgeführt wird, während ihre Dienerschaft Existenznöte aussteht und ihre Kinder in den "Nurseries" Einsamkeit, emotionale Vernachlässigung oder verquere gesellschaftliche Regeln und noch Schlimmeres ertragen müssen - wären da nicht ihre Nannies.
Berkeley Square ist spannend, komplex, detailfreudig und überbordend (nicht nur was Kostüme und Kulissen angeht). Die Geschichte ist tief bewegend gemacht, mit vielen genialen (z.T. dickensartigen) Charakteren und durchweg großartigen Darstellern. Eine Geschichte voller menschlicher Verwicklungen, Geheimnisse und Betrügereien, überquellend von edwardianischem Flair und gesellschaftlich-engstirnigen Normen der damaligen Zeit. Kurz gesagt: Es ist alles drin was das Period Herz erfreut. Und damit steht Berkeley Square für mich durchaus auf Augenhöhe mit anderen großen und bekannten (Mini)Serien wie Brideshead Revisited, Haus am Eton Place, Lark Rise to Candleford und beinahe sogar mit Cranford.
Ein extra Lob gebührt übrigens den beiden Kinderdarsteller von Bertie Hutchinson (Adam Hayes) und Tom St. John (Laurence Owen), denn ohne deren überzeugende Darstellung wäre der filmische Aufenthalt in den Kinderzimmern, auf den Spielplätzen und in den Parks sicher nur halb so lebendig und spannend gewesen.
Zwei gewichtige Kritikpunkte gibt es aber auch:
Die DVD Edition ist sehr minimalistisch und hat nicht einmal Untertitel. Die rasanten Dialoge und der schwere Slang, den die einfache Klasse spricht, ebenso wie die eher mäßige Audioqualität, schreien geradezu nach vernünftigen Untertiteln. Das ist wirklich ein großes Manko, denn leider werden dadurch viele, nicht so sprachfeste Period-Fans daran gehindert, diese wunderbare Serie sehen zu können.
Zweiter Kritikpunkt: Die Serie endet mit der Episode 10 nicht ganz zu meiner Zufriedenheit, denn sie lässt leider einige Handlungsstränge offen bzw. deutet deren möglichen Weitergang nur grob an. Offenbar hatte man vor, eine zweite Staffel zu drehen. Es ist ein Jammer, dass es diese zweite Staffel nicht gibt, denn im Grunde bin ich schon nach der ersten Episode total abhängig geworden von diesen Nannies und ihren Kindern und ihrer Welt.
Schade, schade, aber nun muss ich mir wohl selbst den Kopf zerbrechen, wie es weiter gegangen sein könnte mit Matty und Ned, Hannah und ihrem Baby und Lydia und Mr. Fowler.
Ich möchte für diese Schwächen aber keine Sterne abziehen, denn das wäre der Serie als solcher gegenüber ungerecht.
DVD:
3er DVD Set, Laufzeit 490 Minuten, Special Features: Cast Filmographie, Picture Gallery, Ton: Dolby Digital, Color PAL, Format: 4:3, Sprache Englisch ohne Untertitel.