Kronauer, Brigitte, Berittener Bogenschütze, 1986 (SZ-Bibliothek)
Ein höchst komplexer Roman, der sich auf artifiziellem Niveau bewegt, viele Anspielungen (Romantik, Conrad, Haimonskinder, Kunstwerke) mit Relevanz für die Handlung, die selbst eher schlicht ist:
Der Protagonist ist Matthias Roth. Gezeigt wird eine gewisse Entwicklung vom müden Snob, der dem Leben nicht mehr viel abgewinnen kann, hin zu einem Menschen, der durch ein Naturerlebnis verwandelt wird und daraufhin ein bestätigendes Erlebnis mit Gisela, der Frau seines Freundes Hans, hat. Also eine Art Bildungsroman oder "Erweckungsroman".
Matthias Roth (MR) ist Dozent an einer Universität in einer kleineren Stadt, offensichtlich Dozent für Anglistik, denn er beschäftigt sich beständig mit dem Werk Joseph Conrads. Seine fortlaufende Interpretation bestimmter Erzählungen Conrads spiegelt gleichzeitig seine eigene Verfassung wider: Er ist zunächst der Meinung, dass Conrads Geschichten immer auf den Höhepunkt, eine Art "erstarrender Umarmung" hinauslaufen, als ob es nur den Moment höchsten Glücks als Ahnung, als Funken gebe, der dann aber erlischt und das Nichts sichtbar macht. Entsprechend seine eigene Haltung dem Leben gegenüber: Er meint, die Welt um sich herum stets vermöge seiner Einbildungskraft animieren, beleben zu müssen, macht seine Fähigkeit zu empfinden also - wie die Romantiker - zum Mittelpunkt der Welt. Dahinter verbirgt sich aber wie bei einem Snob nur eine Abhängigkeit von ständiger Stimulanz und dahinter Indifferenz, Müdigkeit, Empfindungslosigkeit. Entsprechend gestaltet sich die Beziehung zu Marianne. Als diese sich von ihm trennt, scheint ihr Verlust unerheblich. Sie wird bald ersetzt durch eine Anneliese, die er schließlich mehr und mehr auch einfach zu vergessen scheint.
Sein Leben scheint nach Mariannes Rückzug im Sommer einer Krise entgegenzusteuern und die innere Leere beherrscht ihn ganz, so dass er sich in den Semesterferien nach Süden auf den Weg macht und in der Nähe von Genua eben das erwähnte Erweckungserlebnis hat. Am letzten Tag seiner Ferien begibt er sich auf eine Wanderung in ein Tal und hat dort das Gefühl, dass die Natur eine flammende, wilde Macht entfaltet, ein Gefühl, das sich später im Winter in einer Vision einer Herbstlandschaft wiederholt. Nach Hause zurückgekehrt versucht er zunächst, dieses neue Weltgefühl aufrecht zu erhalten, er begreift, dass die Welt außerhalb seiner Person, unabhängig von ihm existiert, ihm Widerstand entgegensetzt und dass sie sich ihm in ihrer Macht und Herrlichkeit offenbaren kann. Dieses Offenbarungserlebnis, das ihn dann vollends zu verändern scheint, ist in der Begegnung mit Gisela, der Frau seines Freundes Hans (Kommunalpolitiker, Ressort Kultur) gegeben. Diese Gisela war ihm bislang immer ausgewichen, war vage und unkommunikativ gewesen. Jetzt ergibt sich ein Liebeserlebnis zwischen ihnen, weil sie seine veränderte Haltung zu spüren scheint, es kommt aber nur zu einer Umarmung. Es ist Winter, er wird danach krank, "schlottert" wie Homo Faber im Sturm der Erkenntnisse, steht z.B. nur mit einer Decke bekleidet auf dem Balkon im treibenden Schnee: "Nur das Ausharren in der Verlassenheit, ohne Fragen zu stellen, blind und taub und doch ausgeliefert einer nie erfahrenen Konfrontation...." (417). Schluss: Krank und angeschlagen begibt er sich noch einmal zu Gisela und Hans und scheint stellvertretend in der Beziehung der beiden seine Ruhe zu finden - glücklich in der Betrachtung der beiden schläft er ein, während sie ihn mit einer Decke zudeckt.
Conrad wird jetzt eher so gedeutet, dass er der Darsteller der großen Ambivalenz ist, dass er nicht das Ende der Liebe in der "erstarrenden Umarmung" andeutet, sondern auf die Macht und Existenz der tiefen Gefühle hinweist. Die Anspielungen auf das Märchen "Der blonde Eckbert" von Tieck scheinen etwas Ähnliches auszusagen: Auch hier geht es um einen 40Jährigen, der seine Frau verliert und dann im Strudel der Ambivalenz, allerdings durch ein böses Geschick, untergeht.
Titel: Von Anfang an gibt es Hinweise auf eine chinesische Kunstfigur, den berittenen Bogenschützen, eine Geschichte, nach der ein Schütze seine Pfeile ungeheuer weit schießen konnte. Für MR zunächst nur Kunst in einem Magazin abgebildet oder gelesen. In Italien wird aus Kunst eine Art Wirklichkeit, indem er auf seinem "Pilgerweg" durch das Tal u.a. den Farn betrachtet und die Vision hat, dies seien Köcher mit abgeschleuderten Pfeilen, die zitternd in der Erde stecken und somit die überwältigende Macht der Natur symbolisieren.
Insgesamt eine sehr anspruchsvolle Lektüre, die aber auch etwas Quälendes hat, weil ungeheuer subtile, langwierige Darstellungen des inneren Geschehens dominieren und in einem Missverhältnis stehen zum dürftigen äußeren Geschehen, indem sich hier alles um den Protagonisten und seinen Alltag mit sich wiederholenden Tätigkeiten dreht. Das innere Geschehen erscheint so hochgezüchtet, dass man wohl auch sagen muss, es ist manchmal zu viel heiße Luft in diesem Buch. Das Naturerlebnis des MR wirkt in seiner Erschütterung und seinem Pathos wie eine Neuauflage der Romantik. Manches erinnert an Handke - wie z.B. ein Mensch ganz verloren in seiner narzisstischen Weltschau ist, und das Liebeserlebnis später scheint mir gelegentlich an Kitsch zu streifen: "Er sah Gisela immer an dabei, und nach vielen Wochen zum ersten Mal entstand das Tal neu vor ihm, er sah es durch Giselas Augen hindurch... er sah sich selbst stehen, laufen und weinen, an verschiedenen Punkten des Tals gleichzeitig, er konnte sich plötzlich wieder dort hineinfüllen, er füllte es aus, er war überall in seinem Tal vorhanden, er lag darin als Nuss in ihrer Schale, als Skulptur in ihrer Nische, als Matthias Roth an seinem Heimatort und sagte noch immer nichts, streckte noch immer nicht die Hand aus nach ihrem Gesicht, küsste noch immer nicht ihren Mund, fragte sich nicht mehr, was sie eigentlich so wild und feierlich betrachtete. Eine wütende Bitte wurde gestellt zwischen ihnen, aber wer brachte sie vor?.." (367f.). Manche Zustandsschilderungen sind so abstrakt und tüftelig, dass man sich wohl fragt, wie viele Menschen heutzutage dem nachspüren mögen. Aber ohne Zweifel eine beeindruckende, geistvolle Produktion!