Ich kannte Stifter bisher nicht, bin nur zufällig über die ZEIT-Liste der 100 Bücher auf ihn gestoßen, war aber nun selber überrascht, dass Deutschland einen Erzähler dieses Formats vorzuweisen hatte. Sicher wirken Sprache und Erzählaufbau für heutige Verhältnisse betulich und die Weihnachtstümelei um das "Christkindlein" zu Beginn befremdlich, ferner nerven die Verniedlichungen der Sprache zu Beginn gewaltig ("Bäumchen", "Ärmchen"), aber das gibt sich schnell und Stifter entwickelt seine volkstümliche Erzählung von den beiden Kindern, die sich am Heiligabend im Schneetreiben in den Österreichischen Bergen verirren, mit einer Gelassenheit und Souveränität, die in Deutschland kaum ihresgleichen hat, sondern eher an einen Tolstoj ohne Psychologie erinnert. Die geruhsame Art, in der die Geschichte aufgebaut wird und die Gelassenheit, in der sie sich entwickelt, erinnern an das zwangsläufige Dahinfließen eines breiten Stromes.
Stifter kommt am Ende ohne große Dramaturgie und ohne Knalleffekte aus und beeindruckt dennoch ungemein. Das können nur die Größten unter den Erzählern.