Auch wenn Lovecraft ein Genie der Kurzgeschichte ist, haben es mir seine längeren Erzählungen sogar noch mehr angetan. So auch "Berge des Wahnsinns", das immerhin 190 Seiten erreicht. Dieses Buch macht sehr gut deutlich, warum der Autor neben seinem Vorbild Edgar Allan Poe (den er immer wieder zitiert) als unerreichter Meister des niveauvollen Horrors gilt. Hier wird über Romanlänge ein Lovecraft-typisches Szenario entworfen: ein nüchterner Wissenschaftler entdeckt am Rande der Welt, dass seine Sichtweise des Universums weder korrekt noch vollständig ist, dass es mehr gibt, als wir uns auch nur ansatzweise vorstellen können. All das spiegelt sich in der Geschichte wieder, die sehr behutsam aufgebaut wird. Zunächst gibt es wissenschaftliche Betrachtungsweisen, danach schleicht sich still und leise die Angst ein, um später in nacktem Grauen zu enden. Diese an Poe angelehnte Art, eine finstere Geschichte zu erzählen, ist unübertroffen (und wurde auch von vielen späteren Autoren zum Vorbild genommen).
Das Buch liest sich, wie alle Lovecraft'schen Werke, sehr angenehm und zügig. Es steckt voller mysteriöser Andeutungen und Hinweise auf die Gesamtmythologie des Autors (Stichwort: Cthulhu-Mythos), die vor allem im Kontext mit dem übrigen literarischen Werk Sinn ergeben. Was man auf keinen Fall erwarten darf - das wissen Fans des Amerikaners ohnehin - sind detailgenaue Beschreibungen von Morden und Monstern. Hier zwingt Lovecraft den Leser dazu, seine Fantasie zu benutzen, was manche scheinbar verlernt haben. Gerade diese nebulösen Andeutungen (ganz und gar im Kontrast zu den hervorragenden Landschaftsbeschreibungen) sind es nämlich, die den Reiz seiner Bücher ausmachen und dieses mulmige Gefühl erzeugen - auch wenn der Pol heute längst vermessen ist, ertappt man sich ab und an bei der Frage, ob es die Stadt hinter den Bergen des Wahnsinns nicht vielleicht wirklich gibt. Und das ist wohl das größte Kompliment, dass man einem Autor machen kann.