Neue Zürcher Zeitung
Robert Bobers Roman «Berg und Beck»
Joseph Berg und Henri Beck sind zwei zehnjährige Knaben. Nichts Besonderes. Sie sind Nachbarn, gehen in dieselbe Schule, sind immer die Klassenbesten, aber ihre Passion ist der Radsport, obwohl sie keine eigenen Fahrräder besitzen, ja nicht einmal Radfahren können. Gemeinsam sammeln sie Autogramme der Champions, schneiden deren Photos aus Zeitungen aus und kleben sie, mit fachmännischen Kommentaren versehen, in ein selbstgefertigtes Album. Joseph Berg und Henri Beck sind Freunde, wie wohl nur zwei zehnjährige Knaben Freunde sein können. Im Frühjahr 1942 brechen sie mehrfach von ihrem Pariser Kleineleuteviertel Butte aux Cailles aus auf, um ihren Lieblingen im entfernten «Vélodrôme d'Hiver» zujubeln zu können. Als sie den grossen Senfftleben, den französischen Meister im Sprint des Jahres 1941, kritisch begutachten gehen, ist dies ihr letzter gemeinsamer Besuch auf der Radrennbahn.
Archäologie des Erinnerns
Wenige Wochen später, am 16. Juli 1942, einem Donnerstag vormittag, bricht Henri Beck ohne Joseph Berg, dafür aber in Begleitung französischer Gendarmen, zum Vel d'Hiv auf. Er wird nie wieder auf die Butte aux Cailles zurückkehren, genausowenig wie seine Eltern und die vielen anderen, die an jenem Morgen auf die Radrennbahn verfrachtet worden sind. Denn Henri Beck und Joseph Berg sind Juden. Für Beck wird das Vel d'Hiv zur ersten Etappe auf dem Weg in die Vernichtungslager. Für Berg, den zufällig Überlebenden, der schliesslich das Radfahren erlernt, wird der Radsport mit seiner frühzeitlichen, radiophonen Mythologie tragischer Sieger und homerischer Verlierer zur Signatur einer Existenz ohne Beck Erinnerung an den Toten, an den Abwesenden, und Aufforderung zum Leben: Das Drama der Tour de France 1947, so erinnert sich Beck, bestand darin, dass der populäre Spitzenreiter René Vietto nur drei Tage vor dem Ziel zusammenbrach. Der Grund war der Anblick des blutüberströmten Freundes, der wie tot mit seinem Motorrad im Strassengraben lag . . . Danach aber folgten Jahre, in denen «ein phantastischer Rennfahrer auf den anderen» die Tour de France gewann.
Mit «Berg und Beck» legte der inzwischen 69jährige französische Dokumentarfilmer Robert Bober im vergangenen Jahr in Paris seinen zweiten Roman vor. Und ähnlich wie in seinem erfolgreichen Erstling «Was gibt's Neues vom Krieg?» (1993) betreibt er hier so etwas wie die Archäologie des Erinnerns an die Shoah aus der Perspektive des nackten Überlebens, aus der Perspektive der Übriggebliebenen: Der Roman spielt Anfang der fünfziger Jahre, und Joseph Berg, der Erzähler, ist Erzieher im jüdischen Waisenheim von Andrésy. Berg erinnert sich an Beck, indem er dem toten Freund Briefe schreibt; natürlich erzählt er von Radrennen, vom Jazz, dieser tausendstimmigen Nationalhymne des Überlebens, oder vom Kino, den Marx Brothers vor allem, deren ätzender Humor dem Tod eine lange Nase zu drehen scheint. Davon erzählt Beck auch den Waisenkindern, um sie mit und trotz ihren quälenden Erinnerungen dem Leben und der Sprache zurückzugeben. Denn diese Kinder sind sprachlos, und Beck lernt mit ihnen, die kindlichen Gesten, Rituale und Ängste zu entziffern, über die sich das Erlebnis der totalen Zerstörung zu formulieren sucht. Ähnlich zurückhaltend, feinfühlig und präzise wie mit seiner Kamera, der wir eine Reihe glänzender Schriftstellerporträts verdanken (so u. a., mit der Komplizenschaft des grossen französischen Journalisten Pierre Dumayet, zu Gustave Flaubert, Marcel Proust, Marguerite Duras, Georges-Arthur Goldschmidt / Peter Handke und zuletzt Raymond Queneau, allesamt produziert und ausgestrahlt von La Sept / Arte), fängt Robert Bober mit seiner unprätentiösen und nüchternen (in der deutschen Übersetzung manchmal etwas zu gefühlig einfach wirkenden) Sprache scheinbar isolierte Zeichen, kindliche Zeichen, aus denen, zusammengesetzt und -gelesen, ein Werk der Erinnerung und damit: des Weiterlebens wird. Da ist zum Beispiel das Kind Laura, das sich, wie Georges Perec (à propos: Berg + Beck = Ber[e]ck/Perec?), gerne Kreuzworträtsel und andere Spiele ausdenkt. Eines besteht darin, 18 Punkte in der richtigen Folge mit geraden Linien zu verbinden, auf dass sich eine kleine Zeichnung, etwa die eines Tieres, ergebe. Allein, niemandem im Waisenhaus, auch nicht den Erziehern, gelingt es, Lauras Punkte zu einem «lesbaren» Bild zu verbinden. Erst das 18. Kapitel (von 20) des Romans bringt die Lösung von Lauras Rätsel: Die Punkte, abgepaust aus einem Atlas, markieren 18 Konzentrationslager, von Auschwitz über Dora-Nordhausen bis Treblinka.
Sprachspiele, Spielregeln
Lauras Rätsel, ein Spiel. Die mehr oder weniger jungen Erwachsenen bei Bober spielen mit Worten, suchen, wie Abramowicz in «Was gibt's Neues vom Krieg?», der sich als Abramauschwitz vorstellt, im Sprachspiel den Horror der Leere danach zu übertönen und zu überwinden. Im Lachen, dem menschlichsten und politisch unkorrektesten Verhalten gegenüber dem Tod. Ähnlich wie in jener Scharade, die Berg in einem seiner Briefe an Beck kolportiert und deren Lösung ein Beinamputierter in seiner Seifenkiste hilfsbereiten Passanten verspricht, die ihn die Strasse hinaufschieben mögen: Das erste ist ein Krüppel ohne Beine, der hastig die Strasse runterrast. Das zweite ist ein Krüppel ohne Beine . . . usw. bis: Das sechste ist ein Krüppel ohne Beine . . . Und das Ganze ist ein köstliches Getränk. Im Französischen ergibt das «six troncs pressés» (sechs eilige Rümpfe) oder eben, homophon, «citron pressé» (frisch gepresster Zitronensaft).
Sprachspiele, Rätsel überhaupt, gehorchen, wie der Sport, etwa der Radsport, strengen Regeln. Spiele und Rätsel verfahren nicht arbiträr. Sie beruhen auf Konstruktionsplänen, Gebrauchsanweisungen, Spielregeln. Lauras Spiel mit den 18 Punkten ist zwar nicht zum Lachen, aber ein Spiel, eine Konstruktion bleibt es doch. Genauso wie Bobers Buch, das natürlich nicht zufällig im 18. Kapitel die Lösung des Rätsels bringt. Und so ist eben auch die ganze Geschichte von Berg und Beck eine grosse Konstruktion, ein literarisches Spiel. Ein Spiel, das den Tod überspringt und Leben und also Erinnerung ermöglicht.
Jürgen Ritte
Am Montag, 8. Mai, liest Robert Bober um 20 Uhr in der Buchhandlung Dr. Oprecht, Zürich.
Perlentaucher.de
Klara Obermüller bemerkt anerkennend, dass Bober mit seinem schmalen Roman mehr bewirke als Denkmäler oder Museen, wenn es darum geht, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Sein Roman erzähle mit Leichtigkeit und in der für ihn typischen Zärtlichkeit die unglaublichen Geschichten überlebender Kinder. Indem er ihre Erlebnisse sammele, setze der Autor ihnen ein "kleines Denkmal", in dem sich das "Entsetzen, das unauslöschlich bleibt" widerspiegele.
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Pressestimmen
"Ein kleines Denkmal, berührender als jedes grosse Mahnmal." (Elmar Krekeler, Focus)
Kurzbeschreibung
Die berührende Geschichte zweier jüdischer Freunde im Paris unter der Naziherrschaft.
Die Briefe, die Joseph Berg seinem Freund Henri Beck schreibt und die dieser niemals lesen wird, sollen ihn vor dem Vergessenwerden bewahren. Früher wohnten beide in derselben Straße, besuchten dieselbe Schule und hatten dieselben Hobbys. Bis Henri Beck nach den Sommerferien des Jahres 1942 nicht mehr zurückkehrte: Seine Familie wurde im Zuge der großen Juden-Razzia in Paris verhaftet und deportiert.
"Bobers Romane beeindrucken durch eine kunstvolle Beiläufigkeit, in der Gedenken schnörkellos vonstatten geht - und uns gerade darum anspricht." (Tilman Krause, Die Welt)
"Ein kleines Denkmal, berührender als jedes grosse Mahnmal." (Elmar Krekeler, Focus)
Robert Bober, geb. 1931 in Berlin, arbeitete zunächst als Schneider, Töpfer und Erzieher, bevor er sich als Regisseur und Dokumentarfilmer großes Ansehen erwarb.1933 Emigration mit seinen Eltern nach Paris, wo er seitdem lebt. Er war Assistent bei Truffaut und hat zahlreiche Dokumentarfilme gedreht. 'Was gibt's Neues vom Krieg', sein erster Roman, wurde 1993 mit dem begehrten Rundfunkpreis 'Prix Livre Inter' ausgezeichnet.