Schon vor dem offiziellen Verkaufsstart in Deutschland habe ich in großer Ungeduld die neue Berenice bei amazon.co.uk erworben und bin - bei Curtis-Aufnahmen keine Selbstverständlichkeit- begeistert!
Das 1737 in großer Eile inmitten kritischer Lebensumstände geschriebene Werk zählt zu Händels unbekannteren Opern, was sicherlich an der personenreichen, verwirrenden Handlung liegt, die auf der Bühne nur wenig dramatische Kraft entfaltet. Musikalisch finden sich hier einige Perlen, die ganz großen Highlights fehlen jedoch, außerdem ist die Partitur orchestral durch die Beschränkung auf Streicher und Oboen recht spartanisch besetzt.
Die mittlerweile 16 Jahre alte amerikanische Gesamtaufnahme von Newport Classics bot zwar mit J. Baird, J. Lane und D. Minter einige beachtliche Solisten auf, war aber aufgrund des weit unter europäischem Standard spielenden Originalklangorchesters nicht wirklich zu empfehlen.
Umso mehr erfreut es, dass mit Alan Curtis` Einspielung nun endlich die Referenzaufnahme des unterschätzten Werks vorliegt. Alle Solisten und das kleine, erlesene Instrumentalensemble leisten kontinuierlich allerbeste Arbeit und verhelfen der über weite Strecken kammermusikalisch gearbeiteten Partitur zu voller Geltung. Sehr erfreulich ist der durchweg entspannte Musizierstil, der agogische und dynamische Extreme á la Spinosi vermeidet, was sicherlich auch der Reife des über 70-Jährigen Dirigenten zuzuschreiben ist.
Herausragender Star der Produktion ist Franco Fagioli, in der für den berühmen Kastraten Annibali geschriebenen Rolle des Demetrio. Man höre sich nur einmal seine mühelos das tiefe Contralto- bis hin zum hohen Sopranregister durchmessende Wut-Arie im 2. Akt an!
Spätestens dann wird klar, dass es sich hier um einen für Kastratenrollen geradezu prädestinierten Ausnahmeinterpreten handelt, dem ein gleichwertiger Platz neben Jaroussky im Counter-Olymp gebührt. Uneingeschränkte Kaufempfehlung!