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Dem Autor gelingt es hervorragend, Suchtverhalten als Ausdruck eines komplexen Prozesses von Realitätskonstruktionen in interaktionellen Kontexten zu beschreiben. Er bietet dafür viele sehr anschauliche Beispiele von Prozessen der Suchtentwicklung und vor allem von gut systematisiertem therapeutischem Vorgehen. So wird das Buch zu einer wahren Fundgrube für Praktiker, die solche Konzepte in ihrer Arbeit anwenden wollen oder sich hilfreiche Anregungen für ihre Arbeitskonzeption holen wollen.
Durchgängig sind die Ausführungen dabei geprägt von einem Geist der Würdigung der Autonomie der „süchtigen" KlientInnen und einer sehr achtungsvollen Art, die jeweiligen Erlebnis- und Wahrnehmungsprozesse der KlientInnen kundenorientiert und mit Loyalität für deren autonome Aufträge aufzugreifen. Gerade eine solche Haltung ist bis heute, das kann ich aus vielen Erfahrungen als Supervisor und Berater im Suchtbereich leider immer wieder sehen, trotz sicher guter Absichten keineswegs selbstverständlich.
Gut beschrieben werden auch die eigenen Beiträge des Helfersystems, womit auch den TherapeutInnen Hilfen ermöglicht werden, die interaktionellen Auswirkungen des eigenen Tuns besser zu beachten.
Aufgebaut wird dabei sowohl auf den Arbeiten von N. Luhmann als auch auf den modernen narrativen Verfahren, Ritual- Konzepten und den LogiK- Aspekten des "Tetralemma- Modells". Die Art, wie R. Klein die komplexe Theorie sicher auch leicht verständlich für Leser, die damit bisher nicht vertraut sind, praxisrelevant beschreibt und nutzt, halte ich für sehr gelungen. Die große Erfahrung des Autors als Weiterbildungsexperte und Lehrtherapeut im Bereich systemischer Therapie leuchtet da deutlich durch.
Diese Theorien werden sehr praxisnah und verständlich in die Bildung therapeutischer Interventionen umgesetzt, mit denen problemstabilisierende Muster erfolgreich in Lösungen transformiert werden können.
Sehr gut finde ich auch, wie der soziokulturelle Kontext (die gesellschaftlichen Bedingungen) berücksichtigt wird, in denen Suchtproblem auftreten. Die Entwicklung und Aufrechterhaltung von süchtigem Trinken wird erfasst und sehr vielschichtig beschrieben im Kontext der Entwicklung unserer Gesellschaften in den Zeiten der Postmoderne, mit übersichtlichen Vergleichen zu anderen kulturellen Kontexten und den dort anderen Formen der Nutzung und Wirkung von Trinkprozessen mit jeweils anderen Bedeutungen, Bewertungen und Maßnahmen im Umgang mit Trinkprozessen. Gut verstehbar wird dadurch auch, dass Phänomene wie z.B. der in der bei uns traditionelleren Suchttherapie als so „krank" und gravierend angesehene „Kontrollverlust" in anderen kulturellen Kontexten durchaus anders bewertet und behandelt wurde, teilweise sogar als erstrebte Erlebnisqualität (z.B. für religiös- ekstatische Rituale). So zeigt Klein auch materialreich und überzeugend, dass „Sucht" eben nicht einfach als individuelle „Krankheit" und als Ausdruck von individuellem Unvermögen gesehen werden kann (was dann natürlich auch wieder viele Implikationen für die Therapieziele haben kann), sondern nur verstanden und in Therapien achtungsvoll behandelt werden kann, wenn man es in seinem soziokulturellen Kontext begreift.
So trägt das Buch z.B. auch dazu bei, im Umgang mit den bei uns zunehmenden Sucht- Problemen in der Jugendkultur differenzierter umzugehen. Es hilft, von rigiden moralischen Positionen abzurücken und den Fokus der Aufmerksamkeit auf die Herausforderungen an uns alle zu richten, Rituale der Sinngebung und Orientierung wieder aufzubauen, die in unserer Gesellschaft erodiert sind.
Ich kann dieses Buch allen im therapeutischen Kontext Arbeitenden oder an Weiterbildung für diesen Bereich (aber auch in anderen Bereichen) als Paradebeispiel gelungener Verbindung systemischer Theorie und Praxis nur nachdrücklich empfehlen.
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