Weil Menschen üblicherweise in Problemen denken und in der Regel ganz genau wissen, was sie nicht (mehr) wollen, aber nur selten oder ausnahmsweise wissen, was sie wollen, beanspruchen sie zunehmend mehr professionelle Beratungen. Ende August 2008 war in der NZZ am Sonntag zu lesen, dass der Coach der Psychoanalytiker des 21. Jahrhunderts sei und dass es mittlerweile fast so viele Coaches wie Bedürfnisse gäbe. Doch Coaching ist nicht gleich Coaching, es gilt verschiedene An-sätze und Methoden zu unterscheiden. Die Autorin Sonja Radatz vermittelt in ihrem Buch Wissen zum systemischen Coaching und erläutert Rahmenbedingungen und Spielregeln für die praktische Gestaltung von Einzelcoachings.
Mit einer theoretischen Einführung in das systemisch-konstruktivistische Gedankengut macht uns die Autorin mit ihrer spezifischen Denk- und Arbeitshaltung als Coach bekannt. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Wirklichkeit nicht objektiv ist, sondern von jeder Person subjektiv wahrgenommen und individuell konstruiert wird. Wenn aber Sichtweise und Denken jeder Person verschieden sind, passt ein Ratschlag, der für eine Person hilfreich ist, nicht auch auf jemand anderen. Ausgehend von diesem Denkmodell ist der systemisch arbeitende Coach nicht für gute Ratschläge zuständig, sondern für gute Fragen. Sonja Radatz versteht unter systemischem Coaching die massgeschneiderte Problemlösung im privaten und/oder beruflichen Umfeld, in welcher der Coach einerseits für passende Fragen und Zusammenfassungen und anderseits für die Einhaltung des Ablaufs verantwortlich ist, während der Coachee eigenständige Lösungen für sein Anliegen entwickelt. Damit dies möglich wird, muss der Coach die ?Lösungslosigkeit? professionell aushalten können, indem er sich von der klassischen Beraterrolle, nämlich der des allwissenden Experten, verabschiedet. Dies zu Gunsten einer Beratung, die Beratende und Ratsuchende auf gleicher Augenhöhe begegnen lässt.
In einem nächsten Schritt geht Sonja Radatz auf das Coaching-Gespräch ein, welches aus mehreren Phasen besteht, wovon keine ausgelassen werden darf. Die Problemschilderung bis hin zu einer umfassenden Zieldefinition ist das entscheidende Stück Prozessarbeit. Dieser Prozess gestaltet sich über Fragen, deren Qualität einen erfolgreichen Coachingprozess ausmachen. Systemische Fragen sind offene Fragen, bringen die Kundin zum Denken, fokussieren auf das ?Innen?, sind nicht suggestiv, lassen die Antwort offen und sind häufig Gegenfragen. Als Herzstück für die Klärung von komplexen Zusammenhängen zwischen unterschiedlichen Verhaltensweisen gilt die zirkuläre Frage. Damit sollen Aussen- oder Gegenperspektiven erzielt und Auswirkungen und Beziehungen geklärt werden, ohne dabei nach Ursachen oder Schuldigen zu suchen. Statt nach Situationen: Was ist Ihr Problem, auf wen ist es zurückzuführen und in welcher Form spüren Sie es? wird nach dem Verhalten: Was ist Ihr Ziel, wer ist beteiligt und woran würden Sie Ihr erreichtes Ziel bemerken? gefragt.
Im praxisorientierten Buchteil werden - eingeteilt in vier methodische Kategorien - Coaching-Konzepte vorgestellt, die vom Aufbau immer gleich, aber inhaltlich sehr verschieden sind. Eine detaillierte tabellarische Darstellung beschreibt, in welcher Situation ein Konzept zur Anwendung gelangt, wer es erfunden hat, was das Ziel des Konzepts ist, welche Vorbereitungen notwendig sind, welchem Ablauf man mit welchen möglichen Fragen folgen muss und wie gross der Zeitbedarf in etwa ist. Wird beispielsweise mit Konzepten aus der Kategorie der systemischen Fragetechniken gearbeitet, geschieht dies unter Verwendung von wechselnden Perspektiven und Metaphern. Musterunterbrechungs-Konzepte gelangen bei wiederkehrend störenden Verhaltensweisen zur Anwendung, indem erhaltenswerte und veränderungswürdige Teile bestimmt und letztere bearbeitet werden. Bei den Symbolisierungskonzepten lädt der Kunde Alltagsgegenstände symbolisch auf, wodurch er nicht nur physisch hautnah sondern auch mental sehr effizient involviert ist. Während sich diese ersten drei Konzeptkategorien ?nur? auf einen bestimmten Teil des Verhaltens beziehen, wird als vierte Kategorie Steve de Shazers lösungsorientierte Kurzzeit-Beratung vorgestellt, mit welcher an der Gestaltung einer neuen ganzheitlichen Idealssituation für die Kundinnen gearbeitet wird. Dabei geht Shazer davon aus, dass Problem und Lösung nichts miteinander zu tun haben.
Mit vier transkribierten Coaching-Gesprächen und einer Reihe von Eigencoaching-Konzepten, die zur Anwendung kommen, wenn jemand seine Situation oder ein Anliegen ohne Coach lösen will, schliesst die Autorin den Praxisteil ab.
Beratung ohne Ratschlag - wie ist das möglich? Für alle diejenigen, die auf diese Frage Antworten suchen, empfiehlt sich das Buch als ein äusserst wertvoller, anregender und gut strukturierter Prozessbegleiter. Wer sich im weiten Feld der Beratung mit dem eigenen beruflichen Rollenbild auseinandersetzt, wird durch die Autorin sorgfältig und schrittweise angeleitet, die eigene Haltung, die Glaubenssätze und den bisherigen Beratungsstil zu reflektieren. Besonders hilfreich für das Erlernen des Coachinghandwerks sind der systematische Buchaufbau mit einzelnen Schritten und die klare Abgrenzung der Prozessphasen. Die Gliederung des Fliesstextes ist logisch strukturiert und wird wiederholt durch tabellarische Fragekataloge, Merksätze und Illustrationen aufgelockert. Gut nachvollziehbar veranschaulichen die eingebetteten Praxisbeispiele die Vorgehensweise des systemischen Coachings und zeigen einen wertschätzenden und engagierten Umgang mit Menschen, was herzerwärmend inspiriert. Dieses (Nach-)Denken führt nach kurzer Lesezeit zu neuen Verhaltensformen und einem an-dersartigen Empfinden im Inneren wie auch zu einem variantenreicheren Auftritt im Äusseren. Möglicherweise verunsichert und irritiert dieses allenfalls so ungewohnte Denken, aber im Laufe des Lese- und Lernprozesses finden sich auf viele Fragen - ganz im Sinne des systemisch-lösungsorientierten Coachings - eigene (Teil-)Antworten.
Über die Buchautorin: Sonja Radatz ist Leiterin des Instituts für systemisches Coaching und Training in Wien und Hamburg. Als Coach begleitet sie Menschen, Teams und Unternehmungen in Veränderungsprozessen und bei Strategieentwicklungen. Sie doziert im In- und Ausland und hat ihr langjährig und praxiserprobtes Wissen bereits mehrfach erfolgreich in Büchern und Fachpublikationen veröffentlicht.