Dieses Buch, das seine Keimzelle in einem englichsprachigen Aufsatz über Jean-Luc Nancy aus dem Jahr 1992 mit dem Titel "The Touch" hat, gehört zu den anspruchsvollsten, die Derrida je geschrieben hat.
"Le toucher, Jean-Luc Nancy" wie das Werk auf französisch heißt, ist 2000 bei Galilée erschienen. Es ist also in dem gewaltigen Zeitraum vom acht Jahren geschrieben worden. Das Buch ist also in jeder Hinsicht monströs, sowohl formal als auch inhaltlich.
Das Buch ist formal sehr anspruchsvoll, denn Derrida gibt hier seine beinahe angelsächsische Argumentations-Diziplin auf, die für seine Werke der neuziger Jahre so kennzeichnend waren, und bietet noch einmal alles auf, was ihn als dekonstruktiver Autor so berühmt gemacht hat: Prothese, Parenthese, Palyonymie, Hypertext, Allusion, Abschweifungen, eingeklammerte Bereiche, die beinahe Talmudische Destabilisierung der Zentralkolumne von ihren Rändern her, exzessiver Gebrauch von Fussnoten und monströse Querverweise, die dieses Werk wie zu einem zentralen Knotenpunkt in Derridas gewaltigen Denkgebäude - wenn diese Metapher gestattet ist).
Und mit dem letzten Punkt hat auch die immense inhaltliche Schwierigkeit dieses Buches zu tun. Derrida liefert nicht nur gleichsam die philosophische Summe seines eigenen Schaffens ab. Nein, er bietet auch noch eine Lektüre des auch sehr umfangreichen Werks von Jean-Luc Nancy an, die er auch noch in der Geschichte der abendländischen Philosophie am Leitfaden der Problematik der Berührung strukturiert.
Doch der Leifaden wird schnell zu einem gewaltigen Kokon versponnen, denn schnell verspinnt Derrida die Fäden. Hier wird alles aufgeboten, was Rang und Namen hat. Hier geht es munter bei Aristoteles los, es schlängelt sich weiter zu Ravaisson, Husserl, Didier Franck, Jean-Francois Chretien, Merleau-Ponty, Deleuze, Levinas.
Wie Derrida in einer Fussnote schreibt: "Ich träume von einer Demonstration, die die Logik Berkeleys übersetzen würde, dort wo sie sich mit dem Vorrang der Berührung, sagen wir des Haptischen in Hinblick auf das Optische. Es müsste erneut die gesamte Theorie der Blindgeborenen und der Optiker aufgerufen werden"
Das Buch besteht aus drei gewaltigen Abschnitten mit den Titel I. Dies ist vom Anderen, II. Exemplarische Geschichte des Fleisches (chair), III. Punktierungen. und du. Der erste Teil liefert vor allem eine Lektüre der Verflechtung von Psyche, Raum, Trauer, Körper, Ausgedehntheit. Ausgedehnt von Nancys Bessenheit von einer letzten Notizen Freuds "Psyche ist ausgedehnt, weiss nichts davon". Der zweite Teil dringt tief in die christliche Problematik des Noli me tangere, der Hand Gottes, der Trinität und Nancy Projekt der Dekonstruktion des Christentums. Witzigerweise nennt die Einzelexkurse "Tangenten" abgeleitet von tangere. Der dritte Teil schließt mit wie soll es auch anders sein, mit dem Problem des Im-possiblen, das Problem des eigenen im fremden anhand von Nancys Herztransplantation.
Fazit: Ein wichtiges und sehr gewichtiges Werk, weil es die unfassbare geistige Potenz dieses Autors demonstriert. Was hätte Derrida noch alles geschrieben, wäre er nicht so schwer erkrankt? Ein must-have für jeden der Derrida ernsthaft verstehen will. Stichworte: Dekonstruktion des Christentums, Phänomenologie, Europas christliches Herz, Heidegger, Levinas, Deleuze, Merleau-Ponty. Der erfahrene Derrida-Übersetzer Gondek, hat den ungeheuer schweren Text auf deutsch lesbar gemacht, dennoch ist er manchmal nicht in der Lage einfache Dinge einfach zu übersetzen. So schlägt manchmal der ungeheure Genauigkeitstick Gondeks in Unlesbarkeit um. Dennoch eine verlegerische Großtat. 5 Sterne