B F war bekanntermaßen eine ausnehmend beeindruckende Persönlichkeit. Wie er - als 17. Sproß seines Vaters - sich vom völlig mittellosen Druckergehilfen zum äußerst vermögenden Geschäftsmann aus eigener Kraft emporgearbeitet hat, dem wird wohl niemand seine Bewunderung versagen wollen. Zumal er selbst sich auf seinem Lebensweg hohe Anforderungen an einen moralisch einwandfreien und dem Gemeinwohl verpflichteten Umgang sowohl im privaten als auch im politischen Bereich auferlegte. Mit großer Selbstdisziplin eignete er sich über das heimliche Bücherlesen und nahezu unstillbaren Wissensdurst Kenntnisse und weltanschauliche Einsichten an, die dem Fortschritt eine Richtung wiesen. Ihm gelang eine Entwicklung aus der zwanghaft-frömmelnden Umgebung des Elternhauses zu einem menschenfreundlichen Freigeist mit enormer Gestaltungskraft. Er hat dies alles in seiner Autobiografie mit eigenen Worten formuliert und liefert damit ein heute noch berührendes und überzeugendes Charakterbild.,
Warum sollte man also die Lebensbeschreibung von Overhoff - der über weite Strecken nichts anderes tut, als den Originaltext aus B F's Feder nachzuerzählen - trotzdem noch lesen? Der Stil von Franklin wirkt naturgemäß um einiges kraftvoller und direkter, weshalb die Overhoff'schen Formulierungen im Vergleich oft blass und hölzern erscheinen - und auch etwas langweilen, wenn man das Original kennt.
Ein wichtiger und entscheidender Grund: die zusätzlichen Erläuterungen, die Overhoff in seine Wiedergabe einstreut, helfen sehr beim Verständnis der historischen Zusammenhänge und stellt einzelne Personen detailliert vor, die im Leben des B F eine wichtige Rolle spielten. Außerdem geht die aktuelle Biografie, wie es nicht anders sein kann, über den Endzeitpunkt des von Franklin selbst verfassten Berichts hinaus.
Dennoch befremdlich, wenn eine Biografie sich 200 Jahre nach dem Ableben des Betreffenden so unkritisch dem Selbstbildnis gegenüber zeigt. Was nicht heißen muss, dass damit eine stärker negative Charakterisierung gefordert wäre, sondern statt des Weichzeichners auch einmal eine Bürste oder ein Spatel, mit denen man gegen den Strich und in die Tiefe dringen kann. Vielleicht ließe sich im Sinne des großen Aufklärers und Menschenfängers die Aktualität seines Wirkens doch noch plastischer herausarbeiten.