Die Buchhändlerin lacht mich an, als ich das gewichtige Werk auf die Theke lege. Irgendwie löst dieser freundliche ältere Herr auf dem Cover Heiterkeit aus. Ja, man hat Freude, diesen weisen Kirchenmann anzuschauen, besonders von innen.
Seinen Leidensweg medialer und persönlicher Angriffe schlechten Stils sieht man ihm nicht mehr an. Der Glaubenshüter, der sich eigentlich zum Gelehrtenleben berufen sah (was wohl immer ein Schmerzpunkt in ihm blieb) wird zum Papst gewählt! Um Gottes Willen!? Aber eben darum geht es. Ratzingers Leben setzt sich aus Akten des Gehorsams zusammen. Und das ist das eigentlich Bewegende.
Seine Originalität verbindet scheinbar Gegensätzliches: Bescheidenheit und geistiges Format, Tradition und Fortschritt, Glaube und Vernunft. Ein zurückgenommenes, liebenswürdiges Wesen, ein Priester vom Feinsten und Tiefsten, der mit Stil überzeugt und die Menschen spirituell anzieht.
Originell ist auch die Geschichte mit Seewald, der weiß, was er Ratzinger zu verdanken hat. Nicht zuletzt war das längste Interview der Welt mit ihm der Schlüssel, die Türe des Glaubens zu öffnen. So gehört er zu den schöpferischen Kräften, die gute Papstbücher herausbringen. Fast wie ein Anwalt verteidigt er seinen Lieblings-Mandanten, dem etwas "Unerhörtes" angetan wurde.
Die Überschrift mit je 2 untergeordneten Thesen umreißen sehr gut den Inhalt eines Kapitels, welches mit einer farbigen Schrift-Tafel psychologisch effektvoll eingeleitet wird. Vor der Textpassage animieren aussagekräftige Bilder mit Anmerkungen. Das Haupt-Augenmerk des Buches ist die Freundschaft zu Johannes Paul II.
Wer sich nichts vorweg nehmen lassen will, mag sich wegklicken.
Der anregendste Aspekt ist für mich die begeisterte Freude am Lernen und Lehren:
Aus einer Familie mit einem gesunden Glaubenskern kann nur Gutes wachsen. Maß, Mitte, Geradheit. Kein unnötiges Gerede. Erbauliche Poesie und Musik. Aufwändig inszenierte Kirchenfeste öffnen eine verborgene Welt, die der kleine Joseph fasziniert erkundet. Er schreibt, zeichnet, erntet Lob bei Geburtstagsgedichten. Fürs Internat ist der introvertierte Jüngste nicht geschaffen. Aber er lernt Gemeinschaft und findet seine Position - als Primus und Klassensprecher.
Im Klima des gottlosen Nationalsozialismus lernt er zu argumentieren - und auch gegen tyrannische HJ-Vorgesetzte zu spotten (in griechischer Versform).
Nach Kriegsende herrscht eine Aufbruchstimmung. Charismatische Dozenten ziehen ihre erkenntnishungrigen Studenten in den Bann. R. mag ihre Frische, ihre Besonderheit, ihre Unangepasstheit, ihre Souveränität. Nicht die, welche ihre Wahrheit nur als "Besitz" verwalten und nicht mehr weiterfragen. Er lernt Denkrichtungen kennen, aber auch, dass es auf Intellektualität nicht ankommt.
Doch es gibt auch Prüfungen anderer Art, etwa, dass ein selbstgefälliger Lehrer einen wichtigen sachlichen Einwand seines Schülers nicht verträgt und versucht, ihn durchfallen zu lassen - was aber nicht gelingen sollte.
Als Professor hingegen hilft R. seinen Schülern, wo er kann, selbst bei der Unterkunft. Und er versteht es, aus Paukfächern Entdeckungsreisen zu machen. Seine Vorlesungen mit dem neuen Sound werden von einer zunehmenden Studentenschar fasziniert belauscht. In der Uni Bonn, umgeben von anregenden Diskussionen aus allen Richtungen, taut er erst richtig auf und hat durchaus Sympathie für Andersdenkende. Sein Element ist, in die Glaubensgeschichte einzudringen, Denkhorizonte zu erschließen und die Fragen der Menschheit - wie seine eigenen - zu bedenken. So erkennt er sich in Augustinus, dem Stürmischen, Leidenden, Fragenden und Bußfertigen. Das Geheimnis Christie als eine lebenslange Suchbewegung, die schöpferische Liebe, aus der sich alles offenbart. Die Synthese: Wir haben der Liebe geglaubt (1Joh4,16) trifft ziemlich den Kern von R.s Leben.
Auch später im aufgewühlten Konzil zeigt er sich als souveräner Themenbewältiger. Wer eine säkularisierte Wohlfühl-Kirche will, verkennt die Dramatik Christie. Und schadet der Kirche. Sie wird, so R., mit wahren Überzeugungsträgern von vorne beginnen müssen.
Im Wirtschaftswunder entdeckt er die neuen Heiden unter den Christen, was ihm verübelt wird. Die Kirche reagiert ihm da zu schläfrig. Und als die jungen 68er sich (verständlicherweise) gegen die Kriegsgeneration empören, soll die Kirche für eine neue Ideologie benutzt werden.
Der moderne und innerlich gespaltene Mensch verliert an Orientierung und Identität. So wettert R. gegen die ideologischen Experimente der 70er. Der Mensch krankt an Snobismus, Hab- und Genussgier, spielt sich zum Macher in Technik und Wissenschaft auf und missachtet die sittlichen Verkehrsregeln.
Für die jungen Menschen heute scheint R. jemand zu sein, der den Bogen raus hat. Er wiederum sieht sie nicht nur konsumorientiert. Die Jugend will eine gerechte Welt. Einen jungen Geist.
Wir können, so R., das Geheimnis der Geschichte nicht lösen. Aber wir sind getragen von einer großen Herzlichkeit und Erkenntnis.
Zum Schluß noch ein wunderbarer Gedanke eines Kardinals: "R. bringt starke Impulse und könnte den Herzmuskel der Deutschen wieder zum Schlagen bringen" - Zu gerne habe ich teil an dieser Hoffnung.