von Anthony Burgess
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Anthony Burgess' Roman «Belsazars Gastmahl»
Schriftsteller, denen der Ruf exzessiver Produktivität anhängt, tun sich meist schwer damit, diesen Eindruck zu korrigieren. Die Amerikanerin Joyce Carol Oates lebt schon seit langem mit dem Vorwurf, sie publiziere zu viel und zu schnell; auch dem Engländer Anthony Burgess ist es zeitlebens nicht anders ergangen. Die mehr als dreissig Romane, die zahllosen Essays und Rezensionen, die Autobiographien und Sachbücher, die er (zum Teil unter dem Druck einer medizinischen Fehldiagnose die Ärzte gaben ihm, als er vierzig war, nur noch zwei Jahre zu leben) verfasste, haben ihm das Etikett des Vielschreibers eingetragen, eine ungerechte Abstempelung, die ihm zu schaffen machte.
Der Roman «Belsazars Gastmahl», vier Jahre vor dem Tod des Autors (1993) in London und jetzt in einer Übersetzung von Joachim Kalka auf deutsch erschienen, ist, soviel sei gleich gesagt, nicht gerade geeignet, dieses Bild zurechtzurücken. Burgess war ein universal gebildeter Autor, dessen Einbildungskraft und Schreibfertigkeit keine Grenzen zu kennen schienen, der über die Wörter elegant und mühelos gebot und dem es, einmal in Fahrt gekommen, schwerfiel, ein Ende zu finden. Jeder Schriftsteller wählt sich, bewusst oder unbewusst, einen Lebensausschnitt, den er mit seinen Mitteln darstellt der Rest entgeht oder missfällt ihm. Burgess wollte sich nichts entgehen lassen, und es gab kaum etwas, das dem unverbesserlichen Hedonisten in ihm missfiel. Seine Schreibweise war nicht selektiv, sondern kumulativ; er häufte die Einfälle übereinander und scheute sich nicht, als sein Ziel den Versuch der umfassenden Weltaneignung und -abbildung zu nennen er wollte es dem «Ulysses» gleichtun, Joyces Roman, der sein eigener Kosmos ist.
Aus dem Zettelkasten
«Belsazars Gastmahl» stellt, wie die meisten Burgess-Bücher, ein anspruchsvolles, weitgespanntes Projekt dar. Wie in einem richtigen Roman erzählt der Autor zwar unentwegt Geschichten, die zusammen eine Art historische Chronik ergeben sollen, vermittelt dabei aber das Gefühl, als würde er im Grunde viel lieber vor den Lesern seine stupenden Wissensvorräte ausbreiten und zu originellen Mustern zusammensetzen. Gleich der erste Satz, eine ausladende metallurgische Belehrung, gibt davon einen Vorgeschmack: «Stahl, das muss ich Ihnen wohl nicht lange erklären, ist eine Eisenlegierung, die 0,1 bis 1,7 Prozent Kohlenstoff sowie Spuren von Schwefel, Phosphor, Mangan, Nickel und Chrom enthält.» Stahl, wir hatten es in der Tat nicht gewusst, verfällt nach und nach an der Luft, und dass sein Alter mit einem Radiokarbontest nicht bestimmbar ist, war uns auch neu. Zugleich lehrreich und lehrerhaft führt Anthony Burgess so sein rahmenstiftendes Hauptrequisit ein: eine alte, ausgefranste Metallstange, von der behauptet wird, dies sei Excalibur, das Schwert von König Artus («der Name Excalibur kommt vom walisischen Caledvwlch, was mit dem irischen Caladbolg zusammenhängt Caladbolg bedeutet Hartbauch, fähig, alles und jedes zu verzehren»).
Wie die Romanfiguren von «Belsazars Gastmahl», so hat auch der verrostete Eisenknüppel ein abenteuerliches Schicksal. Einer seiner ersten Besitzer war Hunnenkönig Attila; dann fiel er in die Hände der Römer, die ihn an Ambrosius Aurelianus, König von Britannien, verloren. Benediktiner schafften das angebliche ArtusSchwert nach Monte Cassino, wo es die Nazis erbeuteten. Nach Kriegsende taucht es in der Leningrader Eremitage auf dort klaut es Reg Jones, eine der Hauptfiguren des Romans, aus einer Vitrine. In Wales avanciert das Schwert schliesslich zum Symbol einer grotesken nationalistischen Splittergruppe, bis es besagter Reg Jones in einem Teich versenkt.
Ein anderer Handlungsstrang beginnt damit, wie ein walisischer Koch den Untergang der «Titanic» überlebt und in New York eine Russin heiratet. Wieder in Wales, verbinden sich seine drei Kinder mit einer jüdischen Familie aus Manchester, der auch der Erzähler des ganzen Romans, der Philosophiestudent Harry entstammt. Eingewoben in diese nicht eben übersichtlichen Verhältnisse sind Vignetten und Bilder von den Schauplätzen der grossen Ereignisse unseres Jahrhunderts die Skala reicht von der Oktoberrevolution über die beiden Weltkriege bis zur Gründung des Staates Israel und immer wieder deftige Beschreibungen sowohl kulinarischer als auch sexueller Fleischeslust, die über Not und Hindernisse triumphiert.
Dünne Moral, aufgedunsene Sprache
Der Polyglott Burgess geniesst die selbstgeschaffene Gelegenheit, mit seinen Sprachkenntnissen zu glänzen: keine Seite, über die nicht walisische, russische, spanische, deutsche, italienische, arabische, hebräische, türkische oder griechische Wörter, samt Etymologie und Aussprachehinweisen, verstreut wären, kein noch so abseitiger Exkurs, der nicht das Behagen des Autors an seiner eigenen Originalität verriete.
Es ist nicht ganz leicht, unter dem historisch-philologischen Wildwuchs den Kern des Romans auszumachen, die Überzeugung nämlich, dass kein Kreuzzug je im Namen des Artus-Schwertes geführt werden dürfte, dass Unrecht nie gesühnt und der Einzelne nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden kann. In der anarchisch übersprudelnden Chronik der Familie Jones droht diese Botschaft mehrmals unterzugehen; immer wieder übertönt das rhetorische Lob der Differenz und des Pluralismus die Satire auf Intoleranz und ideologische Verblendung. Aber aus dem Mosaik der Szenen erwächst kein epischer Effekt; die Bilder huschen vorbei wie im Fernsehen, und die meisten Figuren wirken, als seien sie wenig mehr als Haken, an denen der Autor nach Belieben Informationen und Meinungen aufhängt.
Die besten Passagen des Buches sind autobiographisch und erinnern an Burgess' Selbstdarstellung in «Little Wilson and Big God». Doch auch hier führt das Vergnügen an der eigenen Beschreibungskunst zum Exzess, zum Ausbruch einer Adjektivitis, die, zusammen mit der Droge «Wortspiel», nach der der Autor unheilbar süchtig zu sein scheint, dem Stil etwas Ungesundes, Aufgedunsenes gibt. Das Bild vom «overegged» Pudding, das mehrfach auftaucht, von einer Süssspeise, in die man zu viele Eier gegeben hat, passt auf den ganzen Roman: weniger Schaum, und der Geschmack wäre feiner geworden.
Helmut Winter
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