In vielen Belcantoopern steht im Mittelpunkt der Handlung eine entzückende, etwas labile junge Heldin, die verliebt ist und wieder geliebt wird, jedoch in der Mitte der Oper den Verstand verliert und zu meist wunderschöner Musik und kunstvollen Koloraturen wahnsinnig wird. Manchmal geht die Sache gut aus und der Anfall geistiger Umnachtung legt sich, manchmal stirbt die zarte Dame im Wahn. Auslöser für den psychischen Ausnahmezustand ist immer Liebesleid.
Amina, die Heldin der Oper "La Sonnambula" ist nicht wahnsinnig, und sie wird es auch nicht, dafür leidet sie unter Somnambulismus. Sie geht des Nachts schlafend umher und landet dabei versehentlich auch schon mal im Bett eines ihr völlig fremden Mannes. So findet sie ihr Verlobter Elvino am Hochzeitsmorgen im Bett des örtlichen Grafen, Elvino glaubt nicht, das Amina nicht wußte was sie tat, denn vom Schlafwandeln hat er noch nie gehört. Noch weniger glaubt er, daß der Graf sich als anständig erwiesen und die Situation nicht ausgenutzt hat.
Aus Wut, Trotz und Verzweiflung verlobt Elvino sich Knall auf Fall mit einer anderen. Amina ist kreuzunglücklich, beteuert ihre Unschuld und jammert und wehklagt zum gotterbarmen. Elvino bleibt hart. Erst als er in der kommenden Nacht mit eigenen Augen sieht, daß Amina wieder schlafwandelt und dabei ihrer verlorenen Liebe nachtrauert glaubt er an ihre Treue, weckt sie vorsichtig auf und schließt sie in die Arme. Amina ist überglücklich, der Hochzeit und dem Happy End steht nichts mehr im Wege.
Das Ganze ist blühender Unsinn und wäre nicht auszuhalten wenn die Musik die Vincenzo Bellini zu diesem Libretto geschrieben hat nicht so wunderschön wäre.
Dennoch, ein Regisseur der "La Sonnambula" heute auf die Bretter bringen will steckt in einem Dilemma: wenn er nicht ein bloßes (gewiss sehr malerisches) Ausstattungsstück abliefern will, wird es schwierig diese zwischen Tag und Traum sich bewegende Handlung glaubhaft in unsere Zeit zu transportieren.
Mary Zimmermann hat sich für eine intelligente Lösung entschieden: sie läßt das Stück im Probenraum eines heutigen Opernhauses spielen: eine Operntruppe studiert eine traditionelle Aufführung von Bellinis Oper "La Sonnambula" ein,für die Darsteller, vor allem für die Sängerin der Titelrolle, verschwimmen nach und nach Bühnengeschehen und Realität, so wie für Amina Traum- und Wachzustand verschwimmen.
So wird es plötzlich glaubhaft, daß die sensible, manchmal etwas zickige Primadonna (Natalie Dessay) in der Nacht nach einer anstrengenden Probe und einem Krach mit ihrem Kollegen und Verlobten (Juan Diego Florez) aufgrund einer Mischung aus Erschöpfung, innerer Erregung und Rollenidentifikation selber zu schlafwandeln beginnt und sich im Bett des Baritons (Michele Pertusi) wieder findet der als Gaststar die Rolle des Grafen singen soll. Wie Amina in der Oper, so glaubt auch der Primadonna niemand ihr Schlafwandeln, ja, man hält das angesichts der Tatsache daß man gerade eine Oper einstudiert in der es um das Phänomen des Nachtwandelns geht, für eine besonders bescheuerte Ausrede. Traum und Wirklichkeit, Bühnengeschehen und Realität verschwimmen und sind nicht mehr auseinander zu halten.
Aminas große Schlafwandelszene im zweiten Teil der Oper, die Arie "Ah! non credea mirarti ..." steht folgerichtig außerhalb der Zeit. Zunächst ist es noch die Sängerin die schlafwandelnd den Probenraum betritt, dann ist es die Bühnen-Amina die das Leid ihrer Interpretin beklagt. Oder ist es die Sängerin deren Trauer im Schicksal der Bühnenfigur ein Ventil findet?
So oder so, es ist die grandiose Natalie Dessay, die diese Arie singt wie es seit Maria Callas vielleicht niemand mehr getan hat...
Was den musikalischen Teil dieser Produktion angeht, so muß man ohnehin keine Worte verlieren, die Namen sprechen für sich. Besser als mit Natalie Dessay und Juan Diego Florez KANN man diese Oper heutzutage nicht besetzen, und es ist ein Segen, daß Dessay dieses Rollenportrait auf DVD festgehalten hat, ehe sie die Rolle der Amina vor einigen Monaten zum offenbar endgültig letzten Mal gesungen hat.
Auch Michele Pertusi als Graf sowie der Chor haben mir sehr gut gefallen.
Szenisch vermisst manch ein Opernliebhaber vermutlich schöne Kostüme und stimmungsvolle Bühnenbilder, aber immerhin erleben wir Natalie Dessay auch in dieser Inszenierung in der Nachtwandelszene im langen weißen Gewand. Mit manchen Traditionen bricht wohl auch eine moderne Regisseurin nur ungern. Das Bild daß Mary Zimmermann für Aminas Einsamkeit und Trauer gefunden hat ist ein so schönes, daß ich es hier nicht verraten will.
Unstimmig waren für mich lediglich zwei Momente in dieser Inszenierung. Zunächst das Liebesduett zwischen Amina und Elvino gegen Ende des ersten Aktes: die beiden haben sich gezankt und wieder vertragen, sie werden morgen heiraten, dürfen aber, in der Zeit in der das Stück eigentlich spielt, vermutlich nicht mal ohne Anstandswauwau spazieren gehen. Jetzt sind sie voller Vorfreude auf die morgige Hochzeit und das darauf folgende Alleinsein. Prophetisch singt Amina davon, daß sie im Schlaf bei Elvino sein wird, weil es anders (noch) nicht sein darf. So läuft das in einer traditionellen Produktion.
In dieser Inszenierung jedoch habe ich mich gefragt, warum sie nach der Probe, dem Krach und der Versöhnung nicht einfach erstmal essen gehen, wie es jeder normale Mensch tun würde...daß es dann doch noch ein poetischer Moment wurde lag m.E. einzig an den beiden Hauptdarstellern.
Der zweite Aspekt in dem die Inszenierung für mich unstimmig war, war die Reaktion der "Dorfbewohner" (hier also: Opernchor, Kostümbildner, Bühnenarbeiter etc.). Ich will ja nicht behaupten, daß es unter Künstlern zugeht wie in Sodom und Gomorrah, aber wenn die Primadonna des Hauses kurz vor der Hochzeit mit dem Tenor im Bett des Baritons erwischt wird, wird das vermutlich Gelächter, Schadenfreude, Häme und vielleicht auch klammheimliche Bewunderung für soviel Frechheit auslösen, aber moralische Entrüstung?
Wie auch immer, wer bereit ist, sich auch mal von dem einen oder anderen romantischen Bild zu verabschieden, der wird an dieser Aufführung seine Freude haben, musikalisch ist sie ohnehin kaum zu überbieten.
Und ein bisschen traditionell wird es dann ja doch noch: am Ende der Oper kippt die Szene: nun sehen wir die Operntruppe nach erfolgtem Happy End zwischen Tenor und Sopran in der Premiere der von ihr einstudierten Aufführung: in traditionellen Kostümen und mit einem liebevollen Augenzwinkern singen und spielen sie die Schlußszene.