"Ich entdeckte, daß es zu den raren musikalischen Offenbarungen gehört, zu erleben, wie Maria Callas eine Bellini-Melodie formt - vergleichbar ist es der Art und Weise, wie Pablo Casals Bach spielt." So hat der englische Musikwissenschaftler und Kritiker Andrew Porter über den Gesang der "Primadonna assoluta" geurteilt. Trotzdem darf nicht verschwiegen werden, daß die Künstlerin in der hier vorgelegten Aufnahme vom August 1960 ihren Zenit bereits überschritten hatte. In ihrer ersten Studio-Produktion von 1954 (EMI, ebenfalls unter Serafin) war ihre herrliche Stimme noch in einwandfreier Verfassung. Hier sind einige Einschränkungen zu machen, besonders wenn es um die hohen Töne geht, aber ihre Präsenz und souveräne Gestaltungskraft sind ungebrochen. Gesang und Darstellung sind auch hier noch von einer nicht zu überbietenden Expressivität, und über alles möchte ich die Callas gerade in dieser Rolle gegen keine andere Sängerin eintauschen. Ein anderer Kritiker, John Steane, bemerkt in der Textbeilage sehr richtig: "Das Remake einer berühmten Aufnahme bietet dem Hörer die faszinierende Möglichkeit, die künstlerische Entwicklung der Sängerin zu verfolgen und herauszufinden, was sich in ihrem Rollenporträt geändert hat und was geblieben ist, um danach Gewinn und Verlust kritisch abzuwägen."
Die Partner von Maria Callas sind nicht ganz so leicht zu beurteilen. Christa Ludwigs Ausflug in die italienische Oper halte ich für gelungen, ihre wohltönende, dunkle Altstimme korrespondiert sehr gut mit der Titeldarstellerin, und man spürt, daß sie sich auf die Aufnahme sorgfältig vorbereitet hat. Irritiert bin ich noch heute über die Besetzung der Rolle des Pollione mit Franco Corelli. Seinem kraftvollen Singen ist zwar Präsenz und auch Tonschönheit nicht abzusprechen, da übertrifft er seinen Vorgänger Mario Filippeschi aus der 1954er Aufnahme deutlich (was allerdings kein großes Kunststück ist), aber der Überdruck, mit dem er die Rolle gestaltet und sein ständiges Fortissimo-Singen gehen auf die Dauer ziemlich auf die Nerven. Ständig mußte ich an Friedrich Nietzsches Ausspruch denken: "Mit einer lauten Stimme im Hals ist man unfähig, feinere Sachen zu denken." (hier: zu singen). Nicola Zaccaria ist dagegen eine gute Besetzung für den Oroveso. Mit Piero di Palma und Edda Vincenti sind die kleinen Rollen von Flavio und Clotilde unauffällig, aber angemessen besetzt.
Ein ganz großer Pluspunkt der Aufnahme ist der Dirigent Tullio Serafin, der, wie bereits erwähnt, schon die Einspielung von 1954 geleitet hatte. Ihm kommt hier natürlich schon die Stereo-Technik zugute, die der Produktion einen deutlichen Vorsprung zu ihrer Vorgängerin einräumt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Serafin dirigiert diese doch über weite Strecken plakative Musik diesmal so altersweise und abgeklärt, daß sie eine formale Klarheit und geradezu klassische Schönheit gewinnt und damit Bellinis berühmteste Partitur erheblich aufwertet. Chor und Orchester der Mailänder Scala lassen sich vom Dirigenten spürbar inspirieren.
Die Klangqualität ist für das Aufnahmejahr 1960 recht präsent und gut durchhörbar, auch das Rauschen hält sich in engen Grenzen und macht sich kaum störend bemerkbar. Die EMI hat ein illustriertes Textbuch beigelegt, es enthält auch das komplette italienische Libretto mit Übersetzung in französisch, englisch und deutsch sowie gute Informationen über Aufnahme und Werk.