Diese neue Einspielung von Bellinis "I Capuleti e i Montecchi" gibt sich bereits aufgrund ihrer optischen Aufmachung als gemachte Sensation zu erkennen. Anna Netrebko und Elina Garanca, model-artig in Szene gesetzt; man hat den Eindruck, die Marketing-Abteilung der DG sei davon ausgegangen, dass der Begriff "Belcanto" unbedingt etwas mit gutem Aussehen zu tun haben müsse. Nun, musiziert und gesungen wird auf dieser Aufnahme allerdings auch, und hier darf man sich in Hinblick auf eine Bewertung nicht von der schönen Verpackung täuschen lassen.
Die beiden Heroinen geizen nicht mit stimmlichem Wohlklang, wobei festzuhalten ist, dass Garanca den Romeo alles in allem überzeugender darzustellen vermag als die schon merklich stimmschwere Netrebko ihre Giulietta. Garancas Mezzo ist klangvoll, voluminös und makellos; der Ausdruck kommt dabei allerdings in allen Passagen zu kurz (man vergleiche etwa die Aria di sortita "Se Romeo t'uccise un figlio" mit den von Vesselina Kasarova oder Janet Baker eingespielten Aufnahmen; gleiches gilt in noch größerem Maße für die Kavatine "Deh! tu, bell'anima" im zweiten Akt). Garancas Romeo ist vokal und technisch ausgezeichnet, berührt aber kaum. Bellinis elegische Legatobögen werden zwar mit Klang, aber nicht mit Tränen erfüllt.
Ähnliches ist in Bezug auf Netrebkos Darstellung der Giulietta zu konstatieren: Sogar Beverly Sills klang in dieser Rolle mädchenhafter, zarter als die russische Star-Sopranistin. Leider fällt Netrebko im Vergleich mit Garanca auch technisch ab; ihre Koloraturen sind nicht immer sauber, in den pastosen lyrischen Passagen kann sie stimmlich nur wenig Spannung erzeugen. In den Duetten der beiden Damen treten die angeführten Defizite weitestgehend zurück; das Finale gelingt dann schließlich doch einigermaßen berührend.
Als Tebaldo kann der Tenor Joseph Calleja durchaus punkten und setzt seine angenehm timbrierte Stimme klug ein. Auch er zeigt jedoch Schwächen in der Phrasierung und den Verzierungen seiner Auftrittsarie; deutlich näher am epochengetreuen Stil ist Ramon Vargas in der Aufnahme mit Mei und Kasarova, die dieser Neueinspielung in Hinblick auf die Leistung der Sänger über weite Strecken überlegen ist.
Der große Pluspunkt der Aufnahme liegt mit Sicherheit im Dirigat von Fabio Luisi, der die Wiener Symphoniker prachtvoll aufspielen läßt. Luisi arbeitet die Farben der Partitur wunderbar heraus, setzt auf feine Nuancen und differenziert klug in der Wahl der Tempi. Das Orchester bildet dafür einen idealen Klangkörper. Neben der exemplarischen Aufnahme von Giuseppe Patanè hat Luisi damit eine hörenswerte Interpretation dieser melodisch wundervollen Oper vorgelegt, aufgrund derer im Gesamten - trotz der nicht unbedingt überzeugenden sängerischen Leistungen - doch vier Sterne zu vergeben sind.