Die Belletristik der Macht ist immer ein spannendes Thema - und besonders in Zeiten, in denen komplexe Themen in ein passend gewähltes Umfeld gestellt werden, um dann im "Neusprech" zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Zu errichtende "Brandmauern" führen eher zur Zustimmung als "kollektive Haftungs- und Schuldenübernahme". Es geht um Fragen der Deutungshoheit.
Und damit sind wir mitten im Thema. Belletristik und Alltagsprosa laufen der Philosophie voraus. Die Theorie folgt im gesellschaftlichen Bereich konkreten Anlässen. Um dieses zu zeigen, spannt Donski den Bogen von der Renaissance und deren Adaption antiker und mittelalterlicher Autoren bis zur Gegenwart - ein gigantisches Unterfangen.
Verdienstvoll an Donskis Auseinandersetzung mit Machiavelli ist zweierlei: Zum einen läßt der strikte Zeitbezug Machiavelli in seiner Zeit lebendig werden, mit ihren Problemen und seinen Absichten und Wirkungsmöglichkeiten. Zum anderen arbeitet er deutlich heraus, wer ihn warum wie interpretiert hat. Auch das waren Schlachten um die Deutungshoheit, um eigene Interessen durchzusetzen.
Hervorzuheben sind in jedem Fall die Bemühungen des Autoren, den Wandel des Menschenbildes, des Selbstverständnisses und der Anforderungen an sich selbst und an andere deutlich werden zu lassen. Es kann dahingestellt bleiben, inwiefern die Liebe, der er sich in dem Kapitel zur Soziogenese zuwendet, dieser speziellen Belletristik zuzurechnen ist oder einfach den Anforderungen eines die Zeiten überdauernden Theaters. Urmenschlich sind diese Antriebskräfte sicherlich, und Donskis sieht in der praktizierten Liebe das letzte Bollwerk gegen totalitäre Gesellschaftsentwürfe.
Von Vorteil ist der litauische Hintergrund Donskis gewiß bei der Auswahl mittel- und osteuropäischer Belletristik. Auch seine wohl persönlichen oder nah tradierten Erfahrungen mit totalitären Systemen der Unterdrückung verschaffen ihm einen nicht geneideten Vorsprung bei der Bewertung utopischer und dystopischer Gesellschaftsentwürfe. Dabei verdienen besonders jene Passagen Beachtung, in denen er sich mit Motiven und Strategien individueller Verweigerung auseinandersetzt. Hier hat er uns westeuropäisch Geprägten auf Erfahrung gegründet Persönliches zu sagen.