Jess Jochimsen legt mit diesem Roman eine nachdenklich machende Geschichte um Glöckner Lukas und Bellboy Paul vor. Lukas ist vor Jahren sang und klanglos aus dem Provinznest seiner Jugend entflohen und fristet nun ein eher trostloses Dasein nach dem Studiumsabbruch als Nachhilfslehrer und Kirchendiener. Paul hingegen zählt zu Lukas' Vergangenheit, die er jahrelang aus seinen Erinnerungen verbannt hatte. Doch Paul tritt mit einer solchen Wucht und Intensität in sein Leben, das selbst Lukas beginnt allmählich den Sinn des Lebens zu hinterfragen.
Schon bald nach der Beschlagnahme seines Alltages durch Paul muss Lukas feststellen, dass sein kleiner Cousin an Demenz leidet. Dass Lukas dies nicht wahrhaben, dass er Ursachen und Lösungen finden und Paul schließlich den schönsten Sommer seines Lebens bieten will, gehört dabei zum Wachwerden des bis dahin eher dahinvegetierenden Münchners. Er ist gezwungen sich mit seiner Kindheit auseinanderzusetzen, vielleicht auch, sie ein Stück zu verarbeiten.
Der Autor hat es geschafft Passagen einzuflechten, die mir durchaus das ein oder andere Lächeln entlockten, so z.b. die nahezu "tanzende" Beschreibung des vibrierenden Handys auf dem Tisch:
"Das Handy ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, wandte sich bald hier-, bald dorthin, gönnte sich alle paar Sekunden eine Pause und hüpfte dann wieder weiter. Improvisierte bedrohlich nah am Abgrund und tänzelte dann gekonnt zurück zur sicheren Mitte des Tischs ..."
Derartig gelungene Abschnitte hat das Buch einige zu bieten.
Der Zynismus, mit dem der Autor versucht mit Pauls Krankheit, mit Lukas' Kindheitserinnerungen sowie dem Tod umzugehen, finde ich stattdessen etwas fehl am Platz. Gewiss wird dadurch dem schwierigen Thema ein wenig Trostlosigkeit und Traurigkeit entzogen, jedoch wurde das erträgliche Maß für meinen Geschmack übertroffen.
Etwas Licht in diese Geschichte bringt Lukas' bester Freund und Mitbewohner Stevie. Er ist von Beruf Pfarrer, liebt Männer, backt auch mal Haschkekse und lebt so gar nicht orthodox, wie man es eigentlich von einem Prediger erwarten würde. Jochimsens Beschreibungen Stevies sind einfach köstlich und muntern selbst dieses schwierige Thema auf, konnten jedoch nicht immer verhindern, dass ich mich von Kapitel zu Kapitel, manchmal sogar von Seite zu Seite durch diese Geschichte quälte.
Fazit: Eine Geschichte, die sicherlich viel zu bieten hat, jedoch nicht jedem (z.b. mir) zugänglich ist.