Rezension
Unterschätzte Türkei Im März 2010 erschien die erste CD-Veröffentlichung (Hindemith, Schmitt, Respighi), auch dort gibt's keine symphonische Hausmannskost, gleich beim Tonträger-Debüt erlebt man das Streben nach eigenem Profil. Die Türkei sieht Goetzel in musikalischer Hinsicht oft unterschätzt: "Die türkische Musiklandschaft ist weit vielschichtiger, als wir es in Westeuropa wahrnehmen. Es gibt ein breites Netz an Ausbildungszentren und eine Vielzahl professioneller Ensembles", erklärt Goetzel. "Viele musikalische Institutionen sind ähnlich, an europäische Modelle angelehnt und staatlich gefördert. Die heutigen Strukturen basieren auf den Reformen Atatürks zwischen 1923 und 1938. Der Austausch verschiedener Kunstbereiche in der Türkei gehört zum Aufregendsten, das man sich vorstellen kann. Istanbul steht hier auf einer Stufe mit ganz großen Kunstmetropolen wie New York, London, Berlin, Wien oder Paris." Maurice Ravels rauschhafte Tanzsaal-Phantasie "La Valse" glückt den Istanbulern unter den Hand des Österreichers Goetzel mit lebendigem Glanz, aber auch Prokofjews kantige "Skythische Suite op. 20" blüht beim jungen Orchester strahlend auf. Kaum weniger überzeugend gelingt dem Ensemble Bartóks heikles Märchenballett vom "Wunderbaren Mandarin". Sascha Goetzels internationale Erfahrung schlägt durch: Der ausgebildete Geiger und ehemalige Mitarbeiter von Riccardo Muti und Zubin Metha dirigierte schon in vielen Konzertsälen in Wien, Berlin, Birmingham, Basel, Shanghai und Moskau; dazu auch unter anderen im Petersburger Mariinsky-Theater, in Wien, Luzern und Los Angeles. Vor allem kann Goetzel mitreißen, was wohl beim Temperament des Istanbul Philharmonic nur ein marginales Problem darstellte, aber die Basis für die kraftvolle Interpretation des aktuellen Ballettprogramms legte. Und speziell dem musikalischen Profil eines weniger bekannten Komponisten wie Schulhoff bekommt diese Frische bestens. (Spiegel online vom 10.03.2012 Von Werner Theurich)