Sehnsüchtig habe ich die Belcanto-CD von Elina Garanca erwartet, da ich hohe Erwartungen an sie hatte. Diese wurden leider nicht erfüllt. Doch zunächst das Positive: Die lettische Mezzosopranistin verfügt zweifelsohne über eine der schönsten Stimmen für dieses schwierige Repertoire: warm, voll, nuanciert und sehr farbenreich. Hinzu kommt ein außerordentlich großer Stimmumfang sowie eine tadellose Technik, die es ihr ermöglicht, auch schwere Koloraturpassagen problemlos zu meistern. Die genannten Tugenden werden vor allem in Tancredis Arie "Di tanti palpiti" deutlich, welches berückend schön und sehr virtuos vorgetragen wird und damit das Highlight der Aufnahme ist. Problematisch ist nur, dass Garanca absolut so gar nicht männlich klingt, doch Tancredi ist nunmal ein Mann - und von daher ist die Behauptung, die kürzlich in der "Klassik Akzente" erhoben wurde, Garanca würde mit der vorliegenden Aufnahme in die Fußstapfen von Marilyn Horne treten, aus meiner Sicht vollkommen absurd. Selbst mit viel Fantasie wirkt Garanca nicht ansatzweise maskulin - im Gegensatz zu ihrer großen amerikanischen Kollegin, die den nötigen Stahl in der Stimme besaß und zudem über eine wesentlich ausgeprägtere Bruststimme verfügte. Von "Hosenrollen" sollte Garanca - nicht zuletzt auch wegen ihres Aussehens - zukünftig lieber die Finger lassen.
Auch die Repertoireauswahl ist kritisch zu betrachten: Garanca beschränkt sich vor allem auf langsamere Legato-Stücke, die größtenteils ziemlich gleich klingen. Möglicherweise ist diese Einförmigkeit aber auch ein Resultat von Garancas (fehlender?) Interpretation: Es kling alles schön, sogar wunderschön, aber mehr auch nicht (aber auch nicht weniger). Es werden jede Menge schöne Töne produziert, aber gefangen nimmt einen das Geschehen nicht. Man leidet nicht mit, sondern bewundert allenfalls die Stimmschönheit. Vielleicht hätte Garanca - wie ihr Vorbild Beverly Sills - mehr Bravour-Arien auswählen sollen, in denen sie ihre stupende Technik zeigen kann (z.B. das in dem Baden-Badener Netrebko-Konzert so hervorragend vorgetragene Rondo aus "La Cenerentola").
Ein Desaster ist das Booklet: Neben diversen hübschen Fotos ist darin nur noch ein erschreckend belangloses Interview mit der Starmezzosopranistin enthalten ("Für wen haben Sie in ihrer Jugend geschwärmt?"). Informationen zu den Komponisten und den ausgewählten Werken fehlen völlig. Dies ist insofern bedenklich, da sich die Aufnahme nicht an Experten wendet, sondern für den "Mainstream" produziert wurde. Und manch junger Hörer kann mit den genannten Komponisten / Werken vielleicht nicht allzu viel anfangen. Hier wird einmal mehr deutlich, dass sich auch traditionsreiche Plattenfirmen wie die DGG immer mehr dem sich verflachendem Markt anpassen.
Fazit: Eine schöne Stimme und eine gute Technik allein machen noch keine gute Belcanto-Platte. Insgesamt bietet die vorliegende Aufnahme leider nur ein recht eingetrübtes Hörvergnügen. Eigentlich drei Sterne, aber dafür ist die Stimme dann doch etwas zu schön, deshalb vier...
Und: Marilyn Horne ist künstlerisch betrachtet Garanca (noch?) weit überlegen.