"Und mancher sieht über die eigene Zeit
Ihm zeigt ein Gott ins Freie."
(Friedrich Hölderlin)
Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) beginnt seine Bekenntnisse wie folgt: "Ich plane ein Unternehmen,das kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird. Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Einzig und allein ich. Ich fühle mein Herz - und ich kenne die Menschen. Ich bin nicht gemacht wie irgendeiner von denen, die ich bisher sah. Und ich wage zu glauben, dass ich auch nicht gemacht bin wie irgendeiner von allen, die leben. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich doch wenigstens anders. Ob die Natur gut oder übel daran getan hat, die Form zu zerbrechen, in der sie mich gestaltete, das wird man nur beurteilen können, nachdem man mich gelesen hat."
Rousseau im Wechselbad zwischen diesseits und jenseits der Vergesellschaftung. In diesem Bad befinden sich der "homme naturel" und der "citoyen", der zum "vollkommenen Menschen" ausgerufen wurde. Und da der Mensch sich zugehörig fühlen wird, wird aus diesem Gefühl der Modus des Lebens entworfen. Der von der Gesellschaft abgewandte, sich in Einsamkeit selbst erkennende Mensch gelangt so zur Erfahrung seiner Selbst. Rousseau ist der Unentschiedene im Dualismus dieser möglichen menschlichen Existenzren und so auf dem Wege, das Leben zu erfahren. Seine Bekenntnisse sind ein Schreiben über sich, eine "Technologie des Selbst" (Foucault) und eine Klammer zwischen Selbst und seinem Werk. Auch zwischen den eigentlichen Werken, wenn man die Frage der Erziehung in "
Emile" mit dem "
contrat social" vergleicht, denn in der Spanne des Ichs in der Übergabe zur Allgemeinheit (dem generellen Willen) wächst aus dem Ganzen die Teilhabe für das Ich.
Seine Bekenntnisse erster Teil sind von schonungsloser Offenheit. Man kann meinen, die Entblößung ist aus der tiefsten Tiefe der Seele eine Notwendigkeit, in der er erkannt werden möchte. Und doch beschleicht dem Leser darin eine Vermutung, auch verbergen zu wollen. Denn gerade in der Begründung, alles schreiben zu müssen, damit nicht der Gedanke in der Leserschaft entsteht, er wolle verbergen, wird er gerade geschürt.
Rousseau blickt zurück zur Natur, d.h. zu seinem eigenen Ursprung, der nur zufällig sich für ihn ereignete. Eine "Frucht", weil der Vater zurück kam, leidend und krank und doch voller Witz und Tat. Sein Leben in der Liebe, die er vom Grunde platonisch erhöhte, sein Leben auf Wanderschaft, sein Leben in der Einsamkeit ist geprägt vom Wunsche zu Leben, jenseits von allem, was dagegen spricht. Seine Enthüllungen sind Enthüllungen der Seele, sein Tag ist wenn möglich seiner, solange niemand von ihm (dem Tag) etwas gestohlen hat (vgl. Seneca).
Kann es eine Einheit des Werkes geben? Rousseau entdeckt sich erst aus der Menge der Werke. Diese bilden seine persönliche Einheit und damit eine Ambivalenz, die dauerhaft bemüht ist, das Zwei in Einem zu verteidigen. Sein Blick zur Natur wird begleitet von der Entwicklung in der Gesellschaft. Sein natürliches Ich wird geopfert der Gesellschaft, um daraus als Teil zu wachsen. Seine Ansichten sind diametral und werden zu einem Problem systematisiert. Doch er verliert nicht den Überblick, nicht die Steuerung, allein weil er in der Erkenntnis der Gegensätze nicht fehl geht. Im Gegenteil. Sein Leben in den Bekenntnissen ist ein ständig hinterfragtes. Seine Analysen sind Teil einer Selbsterfahrung in der Wiederkehr von Natur, Tugend und Moral. Eine antike Vorbelastung ist dem Plutarch-Liebhaber nicht abzusprechen. Rousseau geht es sicher auch darum, seine Seele zu bilden in dem, was er schreibt. Und wie man im Gesicht die eigene Herkunft erkennen kann, so sicher auch die Herkunft der Gedanken im Text, der wie ein mehrstimmiger Chor von verschiedenen Stimmen, vom Geist verschiedener Erfahrungen und der Subjektivierung ausgesuchter Fragmente geprägt sein wird (
vgl Michel Foucault, Ästhetik der Existenz).
Wenn "der natürliche Mensch sich selbst alles ist", wie er im "Emile" schreibt, dann gilt sein Bekenntnis auch hier, sich entscheiden zu müssen zwischen den Rollen "Mensch" oder "Staatsbürger". Letzterer ist für ihn nur ein Bruchteil vom Ganzen, aber das Ich bleibt doch im und zum Ganzen empfindungsfähig.
Rousseaus Apologie des Selbst ist in der Tat eine reine Beschreibung und ebenso eine Art Verteidigung. Geschrieben, damit die "Feinde" von ihm und seiner Meinung über sie wissen und daher mit der Bitte verbunden, erst posthum diese Schrift zu veröffentlichen. Wie in den "
Träumereien eines einsamen Spaziergängers" lesen wir hier die besten, wohl formulierten Reflexionen eines großen Mannes, der zwar von Nietzsche abgestraft, von Kant geliebt, von Camus als Verfechter der Vernunftreligion erklärt wurde.
"... Es / Haben die Boten dein Herz gefunden", schrieb Hölderlin in der Ode "Rousseau" und er vollendet nahezu, was Rousseau über sich schrieb und in seiner Schrift erreichen wollte: "Dem Sehenden war / Der Wink genug, und Winke sind / Von Alters her die Sprachen der Götter."
In diesem Sinne lesen Sie das erzählte Selbst, dem am meisten daran gelegen war, die VOX POPULI zur VOX NATURAE zu machen.
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