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5.0 von 5 Sternen
Global unterwegs für die US-Corporatocracy, 29. März 2005
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Bekenntnisse eines Economic Hit Man: Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia: Unterwegs im Dienste der Wirtschaftsmafia (Taschenbuch)
Aus der Geschichte der Schuldenkrise der Dritten Welt ist bekannt, daß die heutigen Gläubiger bei der Aufnahme von Krediten fleißig nachgeholfen haben. Jetzt liegen die Bekenntnisse eines Insiders vor, zwar leicht geschrieben und über weite Strecken im Plauderton, zuweilen auch etwas naiv, pathetisch und selbstverliebt. Doch trotz aller Anekdoten und Selbstrechtfertigungen gibt der Autor, John Perkins, interessante Einblicke in die Aktivitäten eines „Economic Hit Man" (EHM).
Perkins beschreibt EHMs als eine elitäre Gruppe von Männern und Frauen, die beauftragt sind, andere Länder jener amerikanischen „Corporatocracy" zu unterwerfen, die die großen Unternehmen, die Regierung, die Banken beherrscht. Sie drängen ihnen große Kredite auf, um Infrastrukturen zu entwickeln: Kraftwerke, Autobahnen, Häfen, Flughäfen oder Industrieanlagen. Eine Bedingung dafür ist, daß Ingenieur- und Baufirmen aus den USA diese Projekte bauen. Tatsächlich verläßt der größte Teil des Geldes niemals die Vereinigten Staaten; es wird lediglich überwiesen von den Bankschaltern in Washington an die Ingenieurbüros in New York, Houston oder San Francisco. Dennoch wird von dem „Empfänger" land verlangt, daß es alles zurückzahlt, die Schuld und die Zinsen. Wenn ein EHM wirklich erfolgreich ist, dann ist der Kredit so hoch, daß der Schuldner nach wenigen Jahren pleite ist. Dann ist er abhängig - d.h. z.B. Kontrolle über das Abstimmungsverhalten in den Vereinten Nationen, Einrichtung von Militärbasen oder Zugang zu kostbaren Ressourcen wie Erdöl oder dem Panamakanal. „Natürlich schuldet der Schuldner uns dieses Geld weiterhin, und wir haben unserem globalen Herrschaftsbereich ein weiteres Land hinzugefügt." (xvii) Perkins wurde einer dieser EHM durch Vermittlung eines Verwandten in hoher Position bei der National Security Agency (NSA), einem der 15 amerikanischen Geheimdienste. Nach einem BA in Wirtschaftswissenschaften ging er (1968) mit dem Peace Corps nach Ekuador. Dort begegnete er, kein Zufall, einem Vizepräsidenten von Chas. T. Main, einer internationalen Consultingfirma, die zwar in der gleichen Liga spielte wie Halliburton oder Bechtel, aber wenig Aufsehen von sich machte und absolute Geheimhaltung verlangte (weil sie im Auftrag der NSA arbeitete).
Notfalls kommen die Schakale
Perkins erhielt eine Stelle bei Main mit der Aufgabe, Wirtschaftsprognosen zu erstellen. Die Vorgaben wurden ihm in seiner Ausbildung zum EHM in voller Offenheit beigebracht: Die Entwicklungsprognosen sollten viel zu optimistisch sein, um damit viel zu hohe Kredite zu rechtfertigen. Die Projekte sollten lukrativ für die Unternehmen sein und einige wenige einflußreiche Familien in den „Empfängerländern" beschenken, vor allem aber die politische Loyalität der Regierungen erwirken. Sollten die Regierungen nicht parieren, dann kämen die „Schakale", CIA-Agenten, die die Opposition finanzieren, Aufstände anzetteln und Regierungsmitglieder zuerst bestechen, dann bedrohen und notfalls ermorden. Führt auch dies nicht zum Ziel, wird Krieg angezettelt.
Kreditgeber waren nicht nur amerikanische Banken, sondern vor allem auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds. Als Angestellte privater Firmen würden die EHMs niemals Geld von Geheimdiensten oder von der Regierung erhalten, so daß ihre Spur nicht zurückverfolgt werden könnte.
Das erste Projekt, mit dem Perkins (gerade 26 Jahre alt und nach eigenem Bekunden in ökonomischen Fragen ziemlich ahnungslos) betraut wurde, war Indonesien. Wir erfahren, daß das Gutachten die Wachstumsperspektiven für die nächsten 25 Jahre auf der Grundlage eines integrierten Stromversorgungssystems überaus optimistisch beurteilte - und daß er für diesen Erfolg mit dem Titel eines „Chefökonomen" belohnt wurde. Dann folgte Panama, das unter General Omar Torijos gerade begann, eine von den USA unabhängigere Politik zu machen. Mit Präsident Carter wurde der Panamakanal-Vertrag verhandelt, der dem Land die Souveränität über die Kanalzone und eine Verlegung der berüchtigten School of the Americas bringen sollte. Main sollte einen Gesamtentwicklungsplan ausarbeiten und die Begründung für hohe Kredite liefern.
1980 wurde Carter abgewählt, Reagan wurde Präsident, und die Neocons (Bush, Cheney etc.) übernahmen die Macht in Washington. Torijos starb bei einem Flugzeugabsturz im Juli 1981. Sein Nachfolger Manuel Noriega verfolgte den Plan weiter, einen zweiten Kanal mit japanischer Hilfe und Finanzierung bauen zu lassen. 1986 wird eine Destabilisierungskampagne gegen das Land lanciert und er des Drogenhandels bezichtigt. Am 20. Dezember 1989 greifen die USA Panama an, etwa 4.000 Menschen werden umgebracht, der alte Zustand in der Kanalzone wieder hergestellt und Noriega von einem amerikanischen Gericht verurteilt. Wie Torijos erging es auch Jaime Roldos, dem Präsidenten von Ekuador, der die nationalen Ölvorkommen vor dem Zugriff der Ölkonzerne schützen wollte. Er kam bei einem Helikopterabsturz im Mai 1981 ums Leben. Perkins ist sicher, daß es sich um CIA-Attentate handelte.
Von Lateinamerika nach Arabien
Nach dem Ende des Ölembargos der OPEC vom Herbst 1973 begannen die USA, mit Saudi-Arabien zu verhandeln. Gegen die Zusicherung, ihre Petrodollars in den USA anzulegen und niemals wieder ein Embargo zu erlassen, bot Washington technische Hilfe, Militärausrüstungen und Ausbildung sowie Projekte an, um das Land zu modernisieren. Vor allem wurde zugesichert, die herrschende Familie gegen Angriffe zu schützen und sie, notfalls auch militärisch, an der Macht zu halten. Für saudisches Geld sollten amerikanische Firmen den Aufbau besorgen. Main wurde einer der wichtigsten Berater. Perkins wurde mit den Wirtschaftsprognosen unter der Annahme beauftragt, daß viele hundert Millionen Dollar für Infrastrukturentwicklung ausgegeben würden. Immense Industrieanlagen wurden gebaut, die in erster Linie der weiteren Bereicherung der saudischen Herrscherschicht dienten, riesige Profite für die amerikanischen Firmen abwarfen und das Land in die Abhängigkeit der USA brachten. Perkins vermutet, daß die Verhandlungen von Henry Kissinger geführt wurden. Entweder würden die Saudis das amerikanische Angebot annehmen - oder es drohe ihnen das Schicksal des iranischen Premierministers Mossadegh (der 1953 in einem CIA-Coup ermordet wurde, nachdem er die ausländische Ölgesellschaft verstaatlicht hatte).
EHMs waren um 1980 auch in Irak unterwegs, um ein ähnliches Konzept durchzusetzen. Hätte Saddam Hussein gehorcht, dann hätte auch er des amerikanischen Schutzes sicher sein dürfen, egal wie brutal und despotisch er gewesen sein mag. So wurde er 1990 in die Kuwait-Falle gelockt und das Land kurz darauf mit Krieg überzogen. Bushs Popularität stieg auf 90%.
Perkins läßt ahnen, daß er an vielen weiteren Projekten beteiligt gewesen war. Leider wird vieles nur sehr lückenhaft angedeutet, vermengt mit persönlichen Bemerkungen, und oft bricht er gerade an der Stelle ab, wo ich gespannt auf weitere Details war. Das beeinträchtigt die Glaubwürdigkeit. Manches in diesem Buch klingt so, wie Klein-Hänschen sich die bösen Amerikaner ausmalt. Aber Perkins belegt viele seiner Aussagen mit glaubhaften und nachprüfbaren Verweisen, so daß man ihm das wohl abnehmen muß. 1980, mit 45 Jahren, verläßt er, von seinem Gewissen geplagt aber wohlhabend, diesen Job.
Bernd Hamm
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4.0 von 5 Sternen
Besser spät als nie, 6. Juli 2005
Rezension bezieht sich auf: Bekenntnisse eines Economic Hit Man: Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia: Unterwegs im Dienste der Wirtschaftsmafia (Taschenbuch)
Mutig und bewundernswert. John Perkins hat sich abgerungen, wie er vom Saulus zum Paulus wurde: allerdings nicht in einem Moment, sondern im Verlauf einer quasi lebenslangen Geschichte. Am Ende der Geschichte schreibt er endlich das Buch „Bekenntnisse eines Economic Hitman", Mehrere Male wurde ihm von „wohlmeinenden Freunden" geraten, es lieber nicht zu schreiben... 30 Jahre lang ließ er sich, wie er selbst schreibt, korrumpieren, bestechen und erpressen, die Wahrheit für sich zu behalten. 30 Jahre brauchte er von ersten Gewissensbissen, bis er sich endlich überwinden konnte, sein Buch zu schreiben, seine Beichte und gleichzeitig Anklage und Aufschrei, wie sehr er, und Menschen in ähnlichen Positionen, geholfen haben, das Gesicht des Planeten zu entstellen, hilfesuchende Menschen den Fängen der „Korporatokratie" zu überantworten und auf der Erde ein zerstörerisches, geldgieriges, rechtloses und rücksichtsloses „Weltreich" zu installieren, dessen einziger Zweck Luxusleben und Machterhalt ist, unter „Ausbeutung schutzloser Menschen und der Plünderung des Planeten".
Was dieses Buch von vergleichbaren anderen (z.B. von Jerry Mander, Harald Schumann oder Jean Ziegler) unterscheidet, ist der persönliche Ansatz. Wie die anderen enthüllt er das Wesen des, in seinem Fall, US-amerikanischen Wertesystems, das sich mit seiner Hilfe über die Welt ausgebreitet hat. Und dabei die Erde und sich selbst in die Zerstörung treibt. Dabei schildert er, wie nicht ein anonymes System, sondern einzelne Menschen wie er dieses Werk tatkräftig verrichten. Und so ist der Zweck seiner Beichte, Hoffnung zu geben: denn was Menschen anrichten können, das können sie auch wieder stoppen und rückgängig machen. Wie er es schaffte, aus einem hochbezahlten, gutgeschmierten Büttel des Systems (und sind wir das nicht alle?!?) zu einem Vorkämpfer für Rechte der Ureinwohner, für erneuerbare Energien und für Selbstbestimmung der Menschen zu werden, dient uns zur Hoffnung und als Vorbild - denn wir alle, die hier in der reichen ersten Welt leben, helfen zunächst mit, dieses System aufrecht zu erhalten; haben aber gleichzeitig die Macht, es zu reformieren. Seine Hoffnung ist: die Menschen können, als Bürger und Verbraucher, die Macht wieder in ihre eigenen Hände nehmen, weg von den Konzernen und ihren leibeigenen Medien, sie können wieder mündig werden und ihre Rechte und Pflichten wieder selbst wahrnehmen.
Schade nur, daß er nicht eher ausgestiegen ist und das Buch eher verfaßt hat. Aber jeder Mensch muß seinen eigenen Weg gehen. Besser spät als nie.
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