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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
OA 1954 (Teildrucke 1911 und 1922)Form Roman Epoche Moderne
Die durch den Titel angedeutete Tradition der autobiografischen Lebensbeichte etwa der Bekenntnisse (um 400 n. Chr.) des Aurelius R Augustinus oder R Goethes Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (181114/1833), mithin die spätere ernste und kritische Betrachtung des eigenen Lebens, wird augenzwinkernd parodiert. Felix Krull ist hauptsächlich ein Schelmenroman, der in der episodenhaften Darstellung eines abenteuerlichen Lebens besteht, wobei ihm in diesem Fall auch märchenhafte Züge zu eigen sind.
Entstehung: Die Entstehung des Romans fällt in zwei getrennte Perioden. Ein erster Teil, der knapp die Hälfte des Textes umfasste, wurde in den Jahren 191013 geschrieben. Thomas Mann ließ den Stoff, den er zu Gunsten der Novelle Tod in Venedig unterbrach, anschließend lange unbehandelt. Erst 1951 nahm er die Arbeit wieder auf, aber unter Zusatz meist allgemeinerer, philosophischerer Betrachtungen. Auch in der Charakteristik des »Helden« macht sich ein allmählicher Wandel bemerkbar: Krull verändert sich vom betrügerischen Hochstapler zum fast exemplarischen, mit mythischen Zügen versehenen, in positiver Haltung zur Welt stehenden Künstlermenschen. Der Untertitel Der Memoiren erster Teil deutet bereits auf eine Fortsetzung des abrupt endenden Romans hin, was der Tod des Autors jedoch verhinderte.
Inhalt: Die Lebensgeschichte des Felix Krull beginnt mit der Beschreibung der sorgenfreien Kindheit im Rheinland, die von vorgetäuschten Krankheiten, kleineren Diebstählen, frühen erotischen Erfahrungen und der Liebe zum Theater sowie der Schauspielerei geprägt ist. Nach dem Bankrott der elterlichen Sektfirma und dem Selbstmord des Vaters verbringt der Held eine mußevolle Zeit in Frankfurt, durchlebt eine Liebesschule mit einer Prostituierten, wird dank seiner schauspielerischen Fähigkeiten (vorgespielte Epilepsie) vom Militärdienst befreit, reist auf Empfehlung eines Hausfreunds nach Frankreich, wobei er im Zug eine mitreisende Fabrikantengattin bestiehlt (»es war mehr ein Geschehen, denn ein Handeln«). Ihr dient er in Paris in einem Hotel, in dem er vom Liftboy zum Oberkellner avanciert, als »Liebesdieb«.
Dank seiner Wortgewandtheit und seines angenehmen Äußeren genießt Krull die Rolle des begehrten Günstling der Frauen. Sein Aufstieg setzt sich fort mit der anstelle eines reiseunwilligen jungen Marquis angetretenen Weltreise, auf der er den Paläontologen Professor Kuckuck kennen lernt, der Krull mit einer Alleinheitsphilosophie vertraut macht und ihn in seine Familie einführt.
Aufbau: Der Roman umfasst drei Bücher mit insgesamt 27 Kapiteln, die episodenhaft das abenteuerliche Leben des jungen Krull wiedergeben. Neben der Einordnung als Schelmenroman liest sich Felix Krull auch als Parodie des klassischen Bildungsromans, insofern das Ende nicht in der Läuterung eines träumerischen Ich durch die Welt besteht. Zugleich findet sich in der Beschreibung des narzisstischen, dandyhaften, ebenso sprachgewandten wie sinnlichen, gleichzeitig hermaphroditischen, zugleich menschenkundigen Charakterbildes des Krull eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Künstlerthema wieder. Der Roman ist zugleich auch die ironische Betrachtung einer bürgerlichen Scheinwelt, deren Prinzip es ist, getäuscht werden zu wollen. Krulls gesellschaftlicher Aufstieg ist insofern auch eine Decouvrierung. Die »Grundidee« von einst, so Mann, »die travestierende Übertragung des Künstlertums ins Betrügerisch-Kriminelle«, wandelt sich zu einem »vieles aufnehmenden humoristisch-parodistischen Bildungsroman«.
Wirkung: Der Roman fand seit seinem Erscheinen bis in die heutigen Tage immer die Gunst des Publikums. Grund dafür sind zum einen die märchenhaften, das Skurrile und Komödienhafte streifenden geschilderten Erlebnisse, zum anderen der spezifische Humor des Romans, der aus dem Spannungsverhältnis der abenteuerlichen Inhalte und der trocken und ehrwürdig anmutenden Erzählweise resultiert. F. M. S.
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