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5.0 von 5 Sternen
Die Peer-Ökonomie - eine neue Art des Wirtschaftens, 12. August 2008
Rezension bezieht sich auf: Beitragen statt tauschen: Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software (Broschiert)
Dieses Buch entwirft ein Wirtschaftsmodell, das ein Alternative zum Kapitalismus und zur Planwirtschaft ist. Statt auf dem Tausch (wie der heute dominierende Kapitalismus) basiert die Wirtschaftsform der "Peer-Ökonomie" auf Beiträgen der Beteiligten. Ziel des Wirtschaftens ist nicht die Erzeugung von Profit, sondern die Befriedigung von Bedürfnissen - woraus sich eine weitere wichtige Veränderung ergibt: Arbeitslosigkeit gibt es in diesem Wirtschaftssystem nicht - der Begriff macht nicht einmal mehr Sinn, höchstens zur Bezeichnung des erfreulichen Zustands, wenn die erforderliche Arbeit getan ist! So verblüffend es klingt: Das hier beschriebene Modell ist keine Utopie, sondern existiert bereits in vielen Formen in der Praxis (allerdings bislang vor allem in der nicht-materiellen Produktion) und wächst immer schneller. Dazu gehört zunächst die Freie Software - der Autor kommt offenbar aus dieser Szene - und andere Formen der freien Kooperation im Internet (etwa die Wikipedia). Siefkes zeigt, wie man diese Produktionsweise auch auf materielle Produktion erweitern kann. Das ist im Prinzip die Hauptleistung des Buchs. Das Buch ist klar und verständlich geschrieben. Nach den einfachen Einleitungskapiteln (1 bis 3) wird es allerdings recht technisch. Ich fand es hilfreich, erst mal in Kapitel 6 den Vergleich mit den beiden Wirtschaftsmodellen zu lesen, die das 20. Jh. bestimmten: Kapitalismus und Planwirtschaft. Ganz schön frech, wie hier die Schwächen der beiden Systeme in wenigen Sätzen auf den Punkt gebracht und erläutert wird, wie die Peer-Ökonomie sie vermeidet! Dabei wird erst wirklich klar, warum es sich tatsächlich um eine dritte Wirtschaftsweise handelt - und nicht nur um eine neue Form der Planwirtschaft (wie z.B. die Parecon). In der heutigen Diskussion über Alternativen zum Kapitalismus ist Siefkes' Buch ein Befreiungsschlag. Es geht in seiner Reichweite gleich mehrere Schritte weiter als bisherige Modelle, und durchdenkt das alles wirklich bis zu Ende. Dabei bleibt das Modell erstaunlich offen, statt der so häufig anzutreffenden theoretisch überlegten Maximalforderungen ("wenn die Entscheidungen nicht demokratisch getroffen werden, bringt alles nichts" etc.) wird es hier den einzelnen Projekten selbst überlassen, wie sie sich organisieren, genau wie es bisher in der Freien Software oder der Freien Kultur-Szene auch schon ist. Zu kritisieren ist an dem Buch vielleicht, dass es so viele Ideen und Informationen auf so engem Raum konzentriert: ein wenig ausführlicher hätte man das alles erklären können. Wenn man sorgfältig liest, versteht man aber auch so, wie's gemeint ist, und es gibt immer Beispiele, die das Material anschaulich machen. Fazit: Trotz seiner Kürze ein sehr inhaltsreiches Buch! Selbst wenn die Diskussion über alternative Wirtschaftsformen damit sicher noch lange nicht abgeschlossen ist, wird in den nächsten Jahren wohl niemand, der in diesem Bereich forscht oder experimentiert, an diesem Buch vorbeikommen.
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Privateigentum nein danke. Argumente für das Gemeineigentum, 26. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Beitragen statt tauschen: Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software (Broschiert)
Der selbstbewusste intellektuelle Anhänger der Marktwirtschaft muss heutzutage nichts mehr beschönigen. Die Marktwirtschaft darf wieder Kapitalismus genannt werden und in regelmäßigen Fernsehberichten und drastisch bebilderten Zeitschriftenartikeln wird - von Kinderarmut über woorking poor bis zur Altersarmut - das ganze marktwirtschaftliche Elend der Bevölkerung selbst in den reichsten Industriestaaten als Schattenseite des erfolgreichen Wirtschaftssystems besprochen. In einem ist man sich nämlich sehr sicher: »Ein schlüssiges Gegenkonzept zum Kapitalismus gibt es nicht« oder wie es im »Spiegel« abgeklärt ausgedrückt wird: »Das Grundproblem des Kapitalismus: Es gibt in Wahrheit und Wirklichkeit kein anderes System.« Mit einem - »Ja, leider ...« - nimmt man so dem Kritiker den Wind aus den Segeln und verweist ihn auf den Realismus. Schön, dass es da Christian Siefkes Buch »Beitragen statt tauschen« gibt! Ausgehend von erfolgreichen Projekten im IT-Sektor (Wikipedia, Linux etc.) wird systematisch aufgezeigt, dass es natürlich möglich ist, auf der Grundlage des gesellschaftlichen Eigentums an Produktionsmitteln die individuelle Bedürfnisbefriedigung zum Zweck zu erheben, statt auf der Grundlage des Privateigentums an Produktionsmitteln den Zweck der individuellen Bereicherung gelten zu lassen. Die Fragestellung, wie sich der Entscheidungsprozess bezüglich der zu produzierenden Güter und Dienstleistungen ohne Privateigentum und Markt organisieren lässt, wie sichergestellt werden kann, dass in einer auf Gemeineigentum basierenden Gesellschaftsform die notwendigen Aufgaben erledigt werden und wie im Hinblick auf die Aufteilung der Produktionsergebnisse eine zufriedenstellende Kopplung zwischen Nehmen und Geben erreicht werden kann, werden hier umfassend analysiert und beantwortet. Dass eine ernsthafte Befassung mit der Frage nach der Alternative zum Kapitalismus die Einigkeit über die Kritik am Kapitalismus voraussetzt, ist Siefkes offensichtlich bewusst. Mit der Gegenübergestellung verschiedenster Aspekte des Lebens in einer gemeingüterbasierten Wirtschaft mit der marktwirtschaftlichen Wirklichkeit macht er eines deutlich: Der Kapitalismus ist nicht reformierbar. Die Entscheidung steht an, ob auf der Grundlage des Privateigentums an Produktionsmitteln das Geld die Welt regieren soll oder in einer Kooperation unter Gleichen der Zweck der Bedürfnisbefriedigung. Wer nach der Lektüre von »Beitragen statt tauschen« zwar vom Realismus einer Alternative zum Kapitalismus überzeugt ist, aber noch nicht von der Notwendigkeit ihn abzuschaffen, dem seien in Ergänzung folgende Bücher empfohlen: Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie: Eine Einführung sowie Hermann Lueer, Warum verhungern täglich 100.000 Menschen?
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Unglaubliche Selbst-Täuschung, 7. Juni 2010
Rezension bezieht sich auf: Beitragen statt tauschen: Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software (Broschiert)
Da die 'Menschheit' es mehrere Tausend Jahre schaffte, ohne Privateigentum zu existieren, sollte es kein Problem sein zu zeigen, 'dass "es natürlich möglich ist, auf der Grundlage des gesellschaftlichen Eigentums an Produktionsmitteln die individuelle Bedürfnisbefriedigung zum Zweck zu erheben"' (siehe oben). Auf einem anderen Blatt steht allerdings, ob der Autor zeigen kann, wie die "Produktionsweise" der Freien Software auf die materielle Produktion zu erweitern ist und ob der Kapitalismus daher von der Peer-Ökonomie abgelöst werden kann, wie die Reklame verspricht. M. E. gelingt das genau nicht, der Autor täuscht sich und seine LeserInnen mit Scheinbeweisen und Zirkelschlüssen über das zu Beweisende hinweg, indem er im Fall des Falles immer wieder auf die Software Beispiele zurückgreift, um zu zeigen, wie es geht. Bei genauerem Hinsehen lässt sich erkennen, dass er somit immer schon voraussetzt, was er eigentlich erst beweisen will. Einer seiner 'Tricks' besteht darin, bei der Frage nach der Möglichkeit der Realproduktion gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und am Beispiel der bekanntermaßen äußerst aufwendigen Autoindustrie zu zeigen, dass es hier nicht ginge, alle Autointeressierten mit Autos zu versorgen, wenn die sich nicht mit 'gewissen Beiträgen' an der Produktion der Autos beteiligen (S. 23f), weil dem Autoprojekt sonst 'früher oder später die benötigten Ressourcen ausgehen' (S. 24) würden. Das scheinbar realistische Zurückrudern täuscht darüber hinweg, dass er reineweg auch nicht in Ansätzen zuvor gezeigt hat und auch im weiteren Verlauf des Buches nicht mehr zeigt, wie eine materielle Produktion neben dem vorhandenen Kapitalismus ÜBERHAUPT möglich sein soll, wenn die Mittel um produzieren zu können so erheblich sind (Produktionsmittel im Sinne von Maschinerie und Anlagen einerseits sowie Vorprodukte die selbst in das Produkt eingehen andererseits und dazu ist ja auch noch die im Projekt zu erbringende Arbeitsleistung nicht zu vergessen). Wo kommen diese Dinge auf dem Stand der vorhandenen kapitalistischen Produktion her, wenn man eine Produktionsweise errichten will, die den vorhandenen Kapitalismus allein aufgrund ihrer größeren Attraktivität ablösen können soll? Im Gegensatz zu den herkömmlichen Revolutionsvorstellungen, sollen hier ja gerade nicht die kapitalistischen Betriebe von den Lohnabhängigen übernommen werden.... Die 2. Täuschung funktioniert über die Einrichtung einer Hierarchie von lokalen über regionalen zu überregionalen Zusammenhängen (etwa Interessen), wobei geflissentlich übersehen wird, dass heute schon relativ unscheinbare Produkte des täglichen Gebrauchs den ganzen Weltmarkt und damit die Weltproduktion voraussetzen. Weder eine Tasse Kaffe ließe sich ohne Weltmarkt trinken noch ein PC zusammen schrauben (wobei das Schrauben selbst natürlich lokal erfolgen könnte aber eben nicht die Produktion der dafür notwendigen Stoffe und Dinge). Eine Produktion die den Kapitalismus ablösen können soll, muss also immer schon auf alle Produkte des Weltmarktes einen Zugriff haben. Wenn die Produkte aber nicht selbst hergestellt werden können, müssen sie gekauft werden. Das heißt aber, es muss eine horrende Menge Geld vorhanden sein, um überhaupt einen Produktionseinstieg zu schaffen, der halbwegs auf dem Stand der aktuellen Produktionstechnik steht. Der Wertersatz steht also als äußerer Zwang damit schon vor der Tür. Ansonsten sind nur einfachste Nischenprodukte denkbar, bei denen unklar bleibt, wie der Abstand zur vorhandenen kapitalistischen Produktion abgebaut werden soll oder kann. Eine Voraussetzung dieser Selbst-Täuschungen liegt ohne Zweifel schon in der äußerst ungenauen Betrachtung der Funktionsweise Freier Software selbst. Sie ist ja nicht einfach so kostenlos zu bekommen. Die Produzenten können sie nur deshalb kostenfrei abgeben, weil sie ihren Lebensunterhalt und damit ihr Einkommen aus anderen Quellen bestreiten UND weil die dafür notwendigen Produktionsmittel inzwischen Teil der alltäglichen Haushaltsausrüstung sind (PC) UND weil die Kopie der einmal erstellten Software quasi ohne weiteren Aufwand möglich ist. ALLE diese Punkte fallen aber bei der Realproduktion unter den Tisch, daher ist diese BeweisBEHAUPTUNG so TOTAL VERRÜCKT -' da alle diese Punkte ignoriert bzw. als einfach so gegeben angenommen werden. Der funktionierende Kapitalismus selbst ist damit immer schon die Voraussetzung für etwas, was eben nur dem Schein nach so aussieht, als wäre es über diesen hinaus. Der eigentliche Schwerpunkt des Buches liegt dann auf dem technischen Nachweis, dass heute mit Hilfe der EDV vieles einfach zu organisieren geht, was von Hand einigen Aufwand bedeuten würde. Methodisch ist man hier so traditionell wie der alte Sozialismus: Alle Einwände werden als unsinnig diffamiert oder nicht beachtet und ein soziales Problem (zur Erinnerung: das Marxsche Privateigentum ' um dessen Überwindung es immer noch geht - ist keine juristische Größe) wird zu einem technischen degradiert, welches dann in der Tat leicht zu lösen ist. Der Trick über dieses soziale Problem hinweg zu sehen sieht so aus: Zunächst wird die vorhandene, kapitalistische Arbeitsteilung als nicht hinter gehbar gesetzt (S. 23) um im nächsten Schritt auf die Produktion für sich selbst zurück zu fallen und damit die gerade gesetzte Arbeitsteilung zu unterlaufen. Wenn man etwas braucht, sucht man sich Kooperationspartner mit denen man das gebrauchte dann herstellt (S. 21f). Das hier steckende Problem spricht Siefkes zwar an, aber er unternimmt keinen Versuch einer Beantwortung, obwohl er weiß, dass 'die meisten Freien Softwareprogramme weit weniger benutzerfreundlich für die allgemeine Öffentlichkeit sind als proprietäre Programme' (S. 18) Wodurch aber soll hier die notwendige Veränderung angestoßen werden? Unter der Hand wird auch hier wieder einfach etwas vorausgesetzt, was eigentlich zu entwickeln ist: die Gesellschaft als Gemeinschaft im Allgemeinen und die Gemeinschaft zwischen Produzenten und Konsumenten im Besonderen.
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