Als Süddeutsche ist es für mich interessant, Ulrich Ritzels Kriminalromane zu lesen, weil ich die Orte der Handlung teilweise kenne. Sein Kriminalroman "Beifang" spielt größtenteils (wieder) in Ulm, teilweise auch in Stuttgart oder auf der Alb, z.B. am Blautopf.
Die attraktive Kunsthistorikerin Fiona Morny wird ermordet aufgefunden. Der Mann, mit dem sie vor ihrem Ableben Geschlechtsverkehr hatte, war allerdings nicht ihr Ehemann, Bundeswehrhauptmann Ekkehard Morny. Dieser wird des Mordes an seiner Frau angeklagt. Der zynisch-aggressive Anwalt Eisholm verteidigt Morny, doch bald kommt auch Eisholm ums Leben. Besteht hier ein Zusammenhang? Dr. Elaine Drautz, seine toughe Kollegin in der Anwaltskanzlei übernimmt den Fall.
"Beifang" knistert nicht gerade vor Spannung, was mir aber gut an Ritzels Arbeit gefällt, ist die sehr fein ausgearbeitete Charakterisierung seiner Personen - und das sind nicht gerade wenig. Da gibt es recht zwiespältige und auch nicht unbedingt immer sympathische Charaktere dabei: z.B. ein bibelverszitierender Rentner, der keine Ulmer Gerichtsverhandlung auslässt, ein Kriminalkommissar vom Dezernat I der Ulmer Polizeidirektion, der verschiedene Demütigungen seiner Vorgesetzten über sich ergehen lassen muss und nicht zuletzt der schlaue Fuchs Hans Berndorf, ehemaliger Hauptkommissar im Ruhestand, der jetzt als Privatermittler tätig ist und in Berlin lebt. In diesem Fall hier wird er beauftragt, einen jüdischen Hochzeitsring zu finden, den das Mordopfer besessen hat. Die Figur des einsamen Wolfs Hans Berndorf bläst dabei schon auch gerne mal die Trompete der moralischen Selbsterhöhung ...
Ulrich Ritzels Stil lässt Präzision erkennen: dieser Mann weiß wovon er schreibt - war er doch jahrelang selbst Gerichtsjournalist. Man erhält einen kleinen Einblick in die Wahrheitsfindung bzw. Wahrheits-Nicht-Findung: die Schludrigkeit der Behörden und die Netzwerke von Abhängigkeiten verschiedener Drahtzieher, etwas Schwarz-Weiß-Malerei inbegriffen. Ein Satz von ihm hat mir besonders gut gefallen:
"Wir beide wissen, dass Glück für den Menschen kein Dauerzustand sein kann ... lass es eine halbe Stunde währen, und schon wieder gähnt uns der Alltag an. Aber diese raren Augenblicke, in denen das kleine mickrige Menschlein sich ganz aufgehoben und angenommen fühlt und nur noch schwebt, in einem bodenlosen Zauber gefangen: was wäre das Leben ohne diese Glücksmomente!"
Ich gebe vier Punkte für diesen Berndorf-Krimi, der an seine Vorgänger
Schwemmholz und
Der Schatten des Schwans nicht ganz herankommt. Sein neuestes Buch
Schlangenkopf ist im November erschienen.
Die Berndorf-Krimis in der Reihenfolge ihres Erscheinens:
Der Schatten des Schwans, 1999
Schwemmholz, 2000
Die schwarzen Ränder der Glut, 2001
Der Hund des Propheten, 2003
Uferwald: Kriminalroman, 2006
Beifang, 2009
Schlangenkopf. Berndorf und die Fausser-Papiere, 2011