Aus der Amazon.de-Redaktion
Souad ist 17 Jahre, als ihre Eltern beschließen, sie umzubringen. Denn das unverheiratete Mädchen ist schwanger geworden und hat somit Schande über die Familie gebracht. Deshalb wird sie von ihrem Schwager mit Benzin übergossen und angezündet. Wie durch ein Wunder überlebt Souad den "Ehrenmord" -- ebenso wie ihr Kind -- und kann mithilfe einer Französin vor ihren Häschern fliehen. Heute lebt sie, inzwischen um die 50 Jahre alt, mit falscher Identität gemeinsam mit ihrem Mann und drei Kindern "irgendwo in Europa". Die Fragen ihrer Kinder zu beantworten ist ihr leichter gefallen, als die "verborgensten Erinnerungen aus meinem Gedächtnis hervorzuholen". Wie eindringlich ihr dies gelungen ist, davon zeugt dieses Buch.
"Ich hoffe, dieses Buch geht um die Welt und kommt irgendwann auch ins Westjordanland, wo es die Männer hoffentlich nicht gleich verbrennen", schreibt Souad am Ende ihrer schmerzlichen Erinnerungen. In Frankreich jedenfalls wurde Bei lebendigem Leib auf Anhieb zum Bestseller. Und auch in Deutschland sollte es dies werden. --Isa Gerck
Pressestimmen
"Eines der wichtigsten Bücher des neuen Jahres." (Tilman Jens, ZDF aspekte)
"Es tut weh, dieses Buch zu lesen. Es tut weh, sich das Martyrium der Autorin auch nur ansatzweise vorzustellen. Und doch: Während der gesamten Lektüre hat man das Gefühl, den Atem anzuhalten, hastet voran, von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel, ohne das Buch aus der Hand legen zu können - aufgebracht, aufgewühlt, elektrisiert!" (Bayerischer Rundfunk)
Kurzbeschreibung
Klappentext
Die Krone
"Diese authentische Reportage aus einer Welt jenseits von Aufklärung, Menschenrechten und Gesetzen ist packend und erschütternd zugleich, da sie uns mit unvorstellbaren Grausamkeiten konfrontiert, die auch politisch hochbrisant sind."
Bella
"Dieses Buch ist ein Muss!"
go
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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Über den Autor
Auszug aus Bei lebendigem Leib von Souad, Marie-Therese Cuny, Anja Lazarowicz. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich bin ein Mädchen, und Mädchen müssen immer schnell gehen und auf den Boden schauen, den Blick auf den Boden heften und sich beeilen. Mädchen dürfen nicht aufsehen oder den Blick schweifen lassen, denn wenn ein Mädchen einem Mann in die Augen schaut, behandelt sie das ganze Dorf als charmuta.
Sieht eine verheiratete Nachbarin, eine alte Frau oder sonst jemand das Mädchen allein auf der Straße, ohne ihre Mutter oder ihre ältere Schwester, ohne Schaf, Heubündel oder einen Korb voller Feigen, gilt sie ebenfalls sofort als charmuta.
Ein Mädchen muss heiraten, damit es den Blick heben, den Dorfladen betreten, sich die Haare entfernen und Schmuck tragen darf.
Wenn ein Mädchen, wie meine Mutter, im Alter von vierzehn Jahren noch nicht verheiratet ist, fängt man im Dorf an, sich über sie lustig zu machen. Aber Mädchen müssen warten, bis sie mit dem Heiraten an der Reihe sind. Erst ist die Älteste dran, dann kommen die jüngeren Schwestern.
Im Haus meines Vaters gibt es zu viele Mädchen. Vier, alle im heiratsfähigen Alter. Außerdem habe ich zwei Halbschwestern von der zweiten Frau unseres Vaters, sie sind aber noch Kinder. Der einzige männliche Nachkomme der Familie, der von allen vergötterte Sohn, unser Bruder Assad, unser ganzer Stolz, wurde als viertes Kind zwischen all diesen Mädchen geboren. Ich bin die Drittälteste.
Mein Vater, Adnan, ist unzufrieden mit meiner Mutter, Leila, die ihm so viele Mädchen geboren hat. Er ist auch unzufrieden mit Aicha, seiner anderen Frau, die ihm nur Mädchen geschenkt hat.
Noura, die Älteste, hat spät geheiratet, als ich bereits etwa fünfzehn war. Kaïnat, das zweitälteste Mädchen, will keiner. Ich habe einmal gehört, dass ein Mann mit meinem Vater über mich gesprochen hat, aber Vater sagte, dass ich warten muss, bis Kaïnat verheiratet ist, ehe ich an meine eigene Heirat denken kann. Aber Kaïnat ist nicht besonders hübsch, oder vielleicht arbeitet sie auch zu langsam... Ich weiß nicht, warum kein Mann sie will, aber wenn sie eine alte Jungfer wird, macht sie sich zum Gespött des ganzen Dorfs - und mich auch.
Seit ich denken kann, gab es für mich keine Spiele und kein Vergnügen. In meinem Dorf als Mädchen zur Welt zu kommen, ist ein Fluch, und die Ehe ist der einzige Weg in die Freiheit. Man tauscht sein Elternhaus gegen das Haus des Ehemanns ein und kehrt auch nicht heim, wenn man von ihm geschlagen wird. Geht ein verheiratetes Mädchen zurück zu ihrem Vater, ist das eine Schande. Es ist ihr nicht erlaubt, außerhalb ihres Hauses Schutz zu suchen, und ihre Familie hat die Pflicht, sie wieder zurückzubringen.
Meine Schwester ist von ihrem Mann geschlagen worden und hat Schande über unsere Familie gebracht, weil sie nach Hause kam und sich beklagte.
Immerhin hat sie einen Mann, davon kann ich nur träumen.
Seit ich gehört habe, dass ein Mann bei meinem Vater war, um über mich zu sprechen, vergehe ich fast vor Neugier und Ungeduld. Ich weiß, dass er nur wenige Schritte von uns entfernt wohnt. Manchmal kann ich ihn sehen, wenn ich oben auf der Terrasse die Wäsche aufhänge. Er fährt ein Auto, trägt Anzug und hat immer eine Aktentasche dabei, also muss er in der Stadt arbeiten und einen guten Beruf haben. Er ist immer tadellos gekleidet und sieht nicht aus wie ein Arbeiter. Nur zu gern würde ich sein Gesicht aus der Nähe sehen, aber ich habe Angst, dass mich meine Familie dabei ertappt. Also gehe ich schnell vors Haus, um Heu für ein krankes Schaf im Stall zu holen, in der Hoffnung, ihn aus der Nähe zu sehen. Aber er parkt zu weit weg. Inzwischen habe ich herausgefunden, um welche Zeit er zur Arbeit fährt. Um sieben Uhr morgens. Dann tue ich so, als müsste ich auf der Terrasse Wäsche zusammenlegen, eine reife Feige pflücken oder die Teppiche ausschütteln, damit ich wenigstens ganz kurz sehen kann, wie er mit seinem Auto wegfährt. Aber ich muss mich beeilen, damit keinem etwas auffällt.
Ich laufe die Treppe hinauf und durchquere die Zimmer, um auf die Terrasse zu gelangen. Dort angekommen, schüttle ich energisch einen Teppich aus und schaue dabei über die Mauer, wobei mein Kopf ein wenig nach rechts gewandt ist. Wenn mich jemand von weitem beobachten sollte, könnte er nicht erkennen, dass ich auf die Straße hinunterschaue.
Manchmal gelingt es mir, ihn zu beobachten. Ich bin in diesen Mann und dieses Auto verliebt! Allein auf meiner Terrasse lasse ich meiner Fantasie freien Lauf: Ich bin mit ihm verheiratet und schaue wie heute zu, wie sich sein Auto entfernt, bis ich es nicht mehr sehen kann, weiß aber, dass er abends von der Arbeit nach Hause kommt. Ich ziehe ihm die Schuhe aus, knie nieder und wasche ihm die Füße, wie es meine Mutter bei meinem Vater macht. Ich bringe ihm seinen Tee und betrachte ihn dabei, wie er wie ein König vor seiner Haustür thront und seine lange Pfeife raucht. Ich bin eine Frau mit einem Ehemann!
Dann dürfte ich mich auch schminken, zum Einkaufen das Haus verlassen, zu meinem Mann ins Auto steigen und sogar in die Stadt fahren. Für dieses bisschen Freiheit würde ich alles ertragen, nur damit ich, wenn ich dazu Lust habe, einfach allein aus der Tür gehen und beim Bäcker Brot kaufen darf!
Und ich würde nie eine charmuta werden. Ich würde keinen anderen Mann ansehen; wie zuvor würde ich zwar schnell gehen, aber aufrecht und stolz, nicht mehr den Blick auf den Boden heften, und keiner im Dorf würde Schlechtes über mich sagen können, weil ich dann ja verheiratet bin.
Dort oben auf dieser Terrasse hat meine schreckliche Geschichte begonnen. Ich war bereits älter als meine ältere Schwester bei ihrer Hochzeit und hoffte voller Verzweiflung.
Ich muss etwa achtzehn gewesen sein oder etwas älter, ich weiß es nicht.
Mein Gedächtnis ging in Rauch auf, als das Feuer über mich kam.