Ich denke, das Buch hat zwei sehr unterschiedliche Gesichter. Zum einen ist der Leser zum Preis einer Kinokarte ein Wochenende lang gut unterhalten. Zwar sind die Email-Dialoge bei weitem nicht so witzig wie in Daniel Glattauers "Gut gegen Nordwind", dafür erfährt man aber explizit, wie und wann die Partner von Frau Bornschein ihre Orgasmen hatten. Das ist mutig. So weit, so gut.
Die andere Seite ist die Verallgemeinerung zum Thema Partnerbörsen, d.h. der laut Umschlag angepriesene Selbstversuch, der zeigt, dass vorwiegend sexbessene Spinner dieses Biotop bevölkern. Richtig daran ist, dass sich das deutsche Fräuleinwunder der 50er Jahre zum Frauenwunder der späten 90er gewandelt hat. Sprich, die in Portalen suchenden Frauen ab 40 sind ihren männlichen Pendants, die das Spektrum von feinripptragenden Spießern bis durchgeknallten Egomanen abdecken, tatsächlich haushoch überlegen. Das betrifft Intellekt, Geschmack, Gepflegtsein, Fürsorge, emotionaler Kompetenz, häufig auch den sozialen Status. Gerade die Frauen, die - anders als Frau B. - ihr Studium nicht abgebrochen haben und die - beruflich etwas weniger glamorös als die Autorin - heute typischerweise am Rande des Nervenzusammenbruchs die übergewichtigen und verblödeten Wänste anderer Leute unterrichten, daneben eigene Kinder großziehen, Haus und Hof zusammenhalten, und mal mehr und mal minder gut von ihren abgestürzten oder in Selbstüberschätzung geflüchteten Ex-Ehemännern unterstützt werden, leisten Unglaubliches. Das ist inzwischen gesicherte Erkenntnis aller Familienforscher. Natürlich gibt es auch immer wieder den ausgebeuteten Mann, dem der Kontakt mit seinen Kindern schwergemacht wird, nur damit kein Mißverständnis entsteht.
Die wenigen Männer, die aus diesem Horrorkabinett positiv herausragen, haben wiederum leichtes Spiel, eine Partnerin zu treffen, und sei es nur für den sprichwörtlichen ONS, weil die Populationen von Männchen und Weibchen ab 40 bereits deutlich zu ungunsten der paarungswilligen Großstädterinnen auseinanderdriften. Dass er sich dann gerne etwas Jüngeres sucht, macht die Sache für sie nicht besser. Dass es aber trotzdem auf dem Weg der seriösen Partnerbörsen für beide Geschlechter klappt, ist auch erwiesen. Das sollte die ermuntern, die realistischerweise nicht mehr darauf warten, dass ihnen der Traumpartner im Supermarkt mit dem Einkaufswagen in die Hacken fährt - diese Aufgabe haben in Deutschland inzwischen flächendeckend ungeduldige Rentner übernommen. So weit, so traurig.
Diese immer wieder romantische, manchmal rührende, leider oft auch tragische und bittere Realität der tagtäglichen Internet-Partnersuche romanhaft festzuhalten, ist überfällig. Man hätte es sich von diesem Buch gewünscht. Das kann oder will Frau Bornschein nicht leisten. Sie läßt sich auf Kontakte ein, bei denen das Profil alleine klarmacht, dass der Selbstanpreiser deutlich einen an der Waffel hat. Tatsächlich aber behaupten die seriösen Börsen, dass Jedermann und Jederfrau aus Profil+Bild+Emails+Telefonat mit 95% Sicherheit eine zuverläßige Vorauswahl treffen kann, die ihn/sie vor jener panikartiger Flucht vor Ort bewahrt, die uns Frau B. mehrfach vorführt. Das erscheint plausibel, ungeachtet der Tatsache, dass im virtuellen Raum viel gelogen wird. Dagegen kann man ihr nicht abnehmen, dass sie so blind in diese Katastrophen strauchelt, denn sie hat eine superfeine Beobachtungsgabe. Sie kann alle italienischen Designerstühle in der Galerie ihres Lovers benennen, den Preis der rahmengenähten Budapester ihrer Liebhaber auf +/- 20 EUR genau schätzen, Aqua di Parma-Träger in einer Gruppe blind erkennen und den dermatologischen Befund der sie streichelnden Hand, einschließlich Konsistenz des Fettuntergewebes, präzise rekapitulieren. Da hat also jemand ein wenig am Zufall gedreht.
Das aber ist, je länger man es bedenkt, ärgerlich. Denn Frau Bornschein erhebt den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, auch in Talkshows bei denen sie auftritt. Sie zieht damit eine moderne und effektive Möglichkeit der Partnerfindung ins Zwielicht, die eh schon mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen hat. Das ist unschön. Das Urteil haben gerade die Menschen, die nach einer gescheiterten Ehe, und das sind inzwischen ein Drittel aller Ehen in Deutschland, einen Neuanfang wagen (und nicht nur den Auslandsaufenthalt der Tochter ausnutzen wollen) und aus verschiedensten Gründen auf das Internet bauen, nicht verdient. Das einzig entschuldigende Argument, das einem einfällt, ist, dass das Buch berechtigterweise zur Vorsicht im Umgang mit dem Medium anhält. Das wäre auch mit leiseren Tönen, etwas mitmenschlicher Wärme und literarischem Geschick als Novella spannend machbar gewesen.
Fazit: Unterhaltsam mit einem bitteren Beigeschmack, auf den großen Roman zum Internetdating warten wir weiter.