Kurzbeschreibung
BAFF (Hg.): Begutachtung traumatisierter Flüchtlinge Eine kritische Reflexion der Praxis Traumatisierte Flüchtlinge haben häufig im deutschen Asylverfahren keine Chance: Nur wer detailliert, in aller Ausführlichkeit, ohne Widersprüche und in der Chronologie der Ereignisse das Erlebte schildern kann, gilt bei den Behörden und Gerichten als glaubwürdig. Gerade das, was der menschlichen Psyche dazu verhilft, ein Trauma zu überleben, wird hier zum Stolperstein und somit zur konkreten Gefahr der Abschiebung in das Land, in dem die schrecklichen Ereignisse erlebt wurden. Der von der Bundesarbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer vorgelegte Band setzt sich aus der Sicht von Ärzten, Therapeuten und Juristen kritisch mit diesem Dilemma auseinander. Die AutorInnen sind David Becker, Elise Bittenbinder, Wolfgang Gierlichs, Anni Kammerlander, Dietrich F. Koch, Reinhard Marx, Marie Rössel-Cunovic, Mechthild Wenk-Ansohn und Waltraut Wirtgen
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
VORWORT Wenige Bereiche verkörpern einen berufs-, nationalitäts- und poli¬tik¬über¬greifenden Ansatz ausgeprägter als der Bereich der Flüchtlings- und Asyl¬politik. Er bildet eine Plattform, auf der klare und unverwechselbare Stimmen gehört werden. Dazu gehören das internationale Recht, das die Menschenrechte sowie die rechtlichen Verfahren für Flüchtlinge vertritt sowie das inländische Recht, welches das nationale Ausländerrecht repräsentiert. Ebenfalls zählt die Mitsprache des Gesundheitssystems, das im Kontext vielschichtiger Kulturen und den Nachwirkungen bei Verlust und grausamen Menschenrechtsverletzung Hilfe leistet. Stimmen kommen auch aus der Politik. In der inländischen Politik konkurrieren möglicherweise die Agenden mit den Erwartungen, Bedingungen für die Integration zu schaffen. Und – nicht zu vergessen – die Stimmen der Bürger. Es gibt heutzutage wahrscheinlich keine Gesellschaft mehr, in der die The-men Asyl, Flüchtlinge und Einwanderung nicht zu den alltäglichen Diskussi-onspunkten der Gemeinschaft und der Politik gehören. Der allgemeine Diskurs dreht sich um den Willen, diejenigen, die ankommen, aufzunehmen und zu be¬schützen oder aber er dreht sich um die Tendenz, zu verweigern oder zu un¬terlassen und zugleich Argumente zur Diskriminierung und Ausweisung zu fin-den. Einwanderungspolitik im Allgemeinen und Flüchtlingspolitik im Speziellen sind zu den wichtigsten politischen Debatten geworden, vielleicht sogar beson-ders in Europa. Dort überschneiden sich Herausforderungen auf globaler Ebene mit politischen Veränderungen und Regulierungen einer stetig wachsenden eu¬ropäischen Gemeinschaft. Es sind Bereiche, in denen politische und ideologi-sche Verpflichtungen und Positionen ausgeprägt sind und in denen die Themen Wahrheit, moralische Verantwortung und Pragmatismus eine wesentliche Rolle spielen. Mit anderen Worten: Es sind Bereiche, in denen gewöhnliche Anforderun-gen und Standards in Bezug auf Wahrheit, Objektivität, Vorurteilslosigkeit und professioneller Neutralität unter starke Spannung gesetzt werden und in dem berufliche und ethische Zwangslagen zum Tagesablauf gehören. Innerhalb dieses extrem wichtigen, anspruchsvollen und komplexen Ar-beitsbereiches kamen Experten aus Deutschland zusammen, um über die aktu-ellen Verfahren und Lösungen nachzudenken sowie einige der wichtigsten und schwierigsten Fragen aufzuwerfen. Jeder dieser Experten ist ausgestattet mit einem beachtlichen Wissen und praktischer Erfahrung im Umgang mit den ju-ristischen, sozialen, politischen, gesundheitspolitischen und theoretischen As¬pekten dieser Arbeit. Welche Rolle spielt der Gesundheitszustand bei Asylanträgen? Wie steht es um den Zusammenhang zwischen einem erlebten Trauma, der Angst davor, al¬les noch einmal zu erleben und der wohlbegründeten Angst vor Verfolgung? Wie viel zählt die Notwendigkeit der Rehabilitation und Behandlung nach trau¬ma¬tischen Vorfällen in Bezug auf die Notwendigkeit des Schutzes staatsbürger-licher und politischer Belange? Und welche Rolle spielen die Dokumentation, die Bewertung und die Erhebung von Medizinern in diesem Zusammenhang – und wie sollte diese Arbeit ausgeführt werden? Die Hauptkapitel des Buches sind nicht zuletzt deshalb mit " überschrieben. Die Notwendigkeit hoher Standards, professionell und ethisch begleitet von einer engen fachübergreifenden Zusammenarbeit, wird in der vorliegenden Ar-beit besonders hervorgehoben. Und es wird uns intensiv bewusst, dass heute keine Herausforderung wich-tiger sein kann als die Sicherung der Rechte, nicht nur zum Schutz sondern auch zur Rehabilitation und Wiedergutmachung, derer, die schwere Menschen-rechtsverletzungen erlitten haben. In einer Situation, in der Menschenrechts-schmähungen und im speziellen Folter, die schlimmste aller Übertretungen, als Mittel im Kampf gegen den Terrorismus aufgedeckt wurden, vermittelt ein Bei-trag wie dieses vorliegende Buch sehr wichtige Botschaften. Es gibt keine Rechtfertigung für Folter. Folter muss bekämpft werden. Und Überlebende der Folter müssen wissen, dass sich ihrer Schicksale in einer gerechten und rechts-staatlichen Art und Weise angenommen wird. Nicht zuletzt muss der lange und komplizierte Prozess der Heilung und Be-hebung immer in enger Verbindung mit diesen rechtlichen und sozialen Prozes-sen gesehen werden. Die vorliegende Arbeit leistet dabei einen sehr wichtigen Beitrag. Dr. Nora Sveaass, Psychologin, Norwegisches Zentrum für Gewalt- und traumatische Stressstudien, Mitglied des UN Komitees gegen Folter