Zur Begutachtung traumatisierter Flüchtlinge bedarf es der Anwendung qualitativ ausreichender, sich an aktuellen klinischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierenden Standards.
Diese ist eben oft nicht gegeben. Eine fachliche Stellungnahme, die zu nicht nachvollziehbaren Schlussfolgerungen kommt, stellt einen Bärendienst für Flüchtlinge dar, die damit in einer für sie kritischen persönlichen und gesundheitlichen Situation vor einer Abschiebung geschützt werden sollen. Dies begünstigte den Vorwurf, bei gutachterlichen Stellungnahmen über psychische Traumafolgen handele es sich um fachlich unbegründete Gefälligkeitsgutachten".
Auch besteht bei behördlichen Institutionen die Neigung, durch juristische Sophistik einen Abschiebeprozess, trotz offensichtlich vorliegender medizinischer Probleme, voranzutreiben. Diese Vorgehensweise ähnelt der zermürbenden Taktik privater Versicherungen, Leistungen, zu denen sie eigentlich verpflichtet sind, durch das Geltendmachen von Schein- oder Nebenwidersprüchen in einer gutachterlichen Stellungnahme hinauszuzögern.
Umso erfreulicher ist, dass es vor einiger Zeit in Deutschland gelungen ist, Standards für die Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren zu formulieren und durchzusetzen.
Hervorgegangen aus einem Curriculum, das die Berliner Ärzte- und Psychotherapeutenkammer in Zusammenarbeit mit dem renommierten Behandlungszentrum für Folteropfer entwickelt hat und das zur (auch behördlich) anerkannten zertifizierten Begutachtung befähigen soll, entstand das hier besprochene Buch, das bereits 2005 im Beltz-Verlag erschienen ist.
Die Herausgeber sind beide im Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer tätig und verfügen über eine grosse Erfahrung und Kenntnis in der Behandlung traumatisierter Flüchtlinge.
In dreizehn Kapiteln werden Störungskonzepte und Neurobiologie, Diagnostik, Differentialdiagnostik und Komorbidität, Besonderheiten bei der Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen, Fragen zur Gedächtnisfunktion, standardisierte Diagnostik, rechtliche Fragen, Informationen zum Einsatz von Dolmetschern, frauenspezifische Aspekte, Übertragung und Gegenübertragung in der Begutachtung, sowie das Thema Burnout und stellvertretende Traumatisierung abgehandelt. Zum Abschluss werden Standards zur fachlichen Voraussetzung als Gutachter, die dafür nötigen Fortbildungsinhalte und Standards zur Erstellung eines Gutachtens, sowie zwei Mustergutachten vorgestellt.
Besonders hervorheben möchte ich das Kapitel von Ferdinand Haenel über Besonderheiten bei der Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen (S. 61ff.) in dem dieser insbesondere auf symptombezogene Hindernisse bei der Exploration und traumabezogene Beziehungsaspekte eingeht.
Eine Bereicherung stellt auch das Kapitel Erinnern, Vergessen und posttraumatische Störungen" (S. 76ff) von der früh verstorbenen Angelika Birck dar. Veränderte Gedächtnisfunktionen Traumatisierter sind ein wichtiger Aspekt, bei dem eine klassische aussagepsychologische Beurteilung zu kurz greift.
Ein ebenso wichtiges Thema stellt der Einsatz von Dolmetschern dar, der von Savita Dhawan im 7. Kapitel (S. 144ff.) behandelt wird. Der Einbezug einer dritten Person zu Übersetzungszwecken stellt - wenn er nicht nach klar formulierten professionellen Regeln erfolgt - einen erheblich verfälschenden Faktor dar. Dies wird auch durch erst kürzlich publizierte wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt.
Hervorheben möchte ich noch das 8. Kapitel von Mechtild Wenk-Ansohn über frauenspezifische Aspekte in der interkulturellen Begutachtung (S. 160ff) und das 10. Kapitel (S. 208ff.) über Burnout und stellvertretende Traumatisierung von Christian Pross.
Auf knapp 300 Seiten gelingt es den Autoren, das nötige Mindestwissen in gut lesbarer Weise zu vermitteln. Das Buch lässt sich sowohl in einem Stück lesen, als auch als Nachschlagewerk nutzen.
Therapeuten, die sich mit traumatisierten Flüchtlingen befassen, sei es dringend zur Anschaffung empfohlen. Es ersetzt allerdings nicht eine weiter gehende Qualifizierung als Gutachter, z. B. durch die Teilnahme an einem solchen Curriculum (wenn es denn angeboten wird) und supervidierte Begutachtungen.