Dee Browns Buch ist vor über 30 Jahren erstmals erschienen, und fast ebenso lange ist es her, dass ich es zum ersten Mal gelesen habe. Ich weiß noch gut, wie beeindruckt ich war. Ganz so, wie praktisch alle Rezensenten hier.
Gerade deshalb habe ich mich seither immer wieder mit der Geschichte der indianischen Völker in Nordamerika beschäftigt (Ich brauche nicht zu sagen, dass es DIE Indianer nie gegeben hat). Und das bringt mich nun dazu, ein klein bisschen vor Dee Browns Buch zu warnen. Künftige Leser sollten den Kopf oben behalten und bedenken, dass dieses wichtige Buch auch seine Mängel hat. (Viel mehr möchte ich aber davor warnen, alle Rezensionen hier ernst zu nehmen. Viele zeigen mehr blühende Phantasie als Faktenkenntnis. Wenn etwa von 30 Millionen getöteter Indianer geschrieben wird, dann bleibt rätselhaft, woher diese Zahl stammt - jedenfalls nicht von Dee Brown. Selbst bei den beiden schlimmsten Massakern - am Sand Creek und am Wounded Knee - gibt er als höchste Schätzung 500 bzw 300 Opfer an. Und insgesamt, in über 200 Jahren Indianerkriegen, sind mit großer Sicherheit weniger Indianer in Kämpfen umgekommen, als ein einziger Tag im 2.Weltkrieg an Opfern gefordert hat. Damit will ich nichts verharmlosen, aber unsinnige Behauptungen darf man wohl richtigstellen.)
Dee Brown ist sicher im Recht, wenn er belegt, wie sehr den indianischen Stämmen Unrecht geschehen ist. Aber leider scheint er den geschichtlichen Fakten nicht ganz zu trauen. Nur so kann ich mir erklären, dass er einseitig Indianer prinzipiell als gute, die damaligen Weißen als schlechte Menschen erscheinen lässt. Ganz so, als ob das erlittene Unrecht geringer wäre, wenn man daran erinnert, dass auch Indianer gut und böse sein konnten.
Nach dem, was ich heute weiß, ist das Buch nicht frei von Verklärung der 'native Americans'. Aber so wenig, wie das frühere Bild vom blutrünstigen Roten etwa in vielen Western alter Prägung der Gesamtwirklichkeit entsprach, so wenig trifft die heute eher verbreitete romantische Vorstellung vom edlen Wilden zu.
Nochmal: Dee Brown scheint zu glauben, dass es das Indianern angetane Unrecht verkleinert, wenn er von Indianern selbst getanes Unrecht einräumt. Ich glaube das nicht. Ich darf also daran erinnern, dass auch Indianer gelogen und Verträge gebrochen haben, dass sie oft von ausgesuchter Grausamkeit waren, dass etwa Sioux und Komantschen Angst und Schrecken verbreiteten. Da ist für mich heute schon die Wortwahl bei Dee Brown verschleiernd. Wie oft lesen wir, dass Indianer 'abgeschlachtet' wurden. Kein Zweifel, allzu oft das richtige Wort. Mich stört nur, dass Weiße bei ihm im schlimmsten Fall 'getötet' wurden. Dabei war es gerade bei den 'plains Indians' üblich, Verwundete und Gefangene zu Tode zu quälen. Nein, das entschuldigt weißes Unrecht nicht, gerade deshalb sollte man es nicht verschweigen.
Und grundsätzlicher: Bei Dee Brown wird nicht recht klar, dass indianische Stämme seit jeher Kriege miteinander führten. Dass etwa die Sioux erst im 18.Jahrhundert nach Süden zum Missouri kamen und dabei über 20 Stämme dort mit Krieg überzogen, ihnen ihr Land wegnahmen und sie zum Teil praktisch ausrotteten - etwa die Crow und die Arikara, von denen einige mit den weißen Truppen gegen die Sioux kämpften. Wiederum: Keine Entschuldigung für weiße Verbrechen. Aber ich finde es unredlich, unterschwellig den Eindruck zu erzeugen, dass in Nordamerika bis zum Eintreffen der Weißen nur friedliche Indianerkulturen im Einklang mit der Natur lebten. (Was auch viele der Rezensenten hier anscheinend noch glauben.)
Und noch grundsätzlicher: Ich finde bei Dee Brown zu wenig zum Problem, wie hier völlig verschiedene Kulturen, unterschiedliche Lebens- und Denkweisen aufeinander prallten, die sich vielleicht überhaupt nicht verstehen konnten. Aber dazu kann ich mich nicht in der hier gebotenen Kürze äußern.
Also: Dee Brown lesen, aber sein Buch nicht für die Bibel halten.