Mike Mills schafft nach seinem feinen Debut
Thumbsucker [Special Edition] erneut den Spagat zwischen Drama und Komödie und veröffentlichte mit "Beginners" einen stillen und melancholisch anmutenden kleinen Film über die menschliche Unfähigkeit zum Glücklichsein, ohne dabei jedoch die Hoffnungslosigkeit in den Fokus zu rücken.
Hal, 75 Jahre alt, war 44 Jahre lang verheiratet. Der gemeinsame Sohn Oliver bemerkte jedoch schon sehr früh, dass irgendetwas in der Familie nicht stimmt, seine Eltern ganz anders zu sein scheinen, als die seiner Freunde und Mitschüler. Der Vater ist oft ausser Haus und die Mutter scheint immer dann noch trauriger zu sein, als sie es sonst schon ist. Fragt Oliver sie nach dem Grund ihrer Niedergeschlagenheit, versucht sie diese zu überspielen und verliert sich in mehr oder weniger nonsensartigen Antworten.
Hal fühlt sich zu Männern hingezogen, schon lange. Das Fernbleiben von zu Hause ist dem Umstand geschuldet, dass er sich mit flüchtigen Bekanntschaften trifft, mit denen er sich zum Beispiel auf öffentlichen Toiletten zum Sex verabredet. In den 1950er Jahren ein Affront gegen Sitte, Moral und Anstand. Die aufgebaute bürgerliche Fassade dient Hal zur Verschleierung seiner sexuellen Präferenz, in einer Zeit, in der Prüderie und die herrschende Meinung eine nicht eheliche Verbindung zwischen Mann und Frau nicht tolerierte, ganz zu schweigen von der Homosexualität. Oliver, der Sohn, bekam schon recht schnell mit, dass das Verhältnis der Eltern nicht auf der Basis der Liebe funtionierte, sondern eher einer Zweckgemeinschaft ähnelte und diente. Dem Vater, um seiner Sexualität halbwegs geschützt nachgehen zu können und der Mutter, weil sie die Hoffnung nicht begrub, dass der Ehemann sich eines Tages zu ihr bekennen würde. So sah Oliver seinen Vater selten und musste sich um die traurige und depressive Mutter kümmern, die aufgrund des eigenen Schmerzes die mütterliche Rolle vernachlässigte.
Der zweite Erzählstrang beginnt im Jahr 2003. Nach dem Tod der Mutter, outet sich der Vater schließlich. Er präsentiert seinen weit jüngeren Lebenspartner, kleidet sich jugendlich, feiert Partys und engagiert sich für die Recht von Homosexuellen. Das Verhältis zwischen Vater und Sohn verbessert sich, auch wenn Hal keine Widerrede seitens des "Sprösslings" zu seinem neuen Leben duldet Jedoch wird bei Hal eine Krebserkrankung im Enstadium diagnostiziert, der er zunächst keine Beachtung schenkt. Zu lange hat er auf das Leben, welches er nach dem Tod seiner Frau endlich leben konnte, gewartet, um sich von dem Tod einen Strich durch die Rechnung machen zu lassen. Jedoch holt ihn die Krankheit fünf Jahre nach dem Coming - out ein und so muß er auf die letzten Tage viele seiner verbleibenden Stunden im Krankenhaus verbringen und stirbt schließlich im eigenen Haus. Oliver erbt den heissgeliebten Hund des Verstorbenen mit dem er im Folgenden regelmäßig kommuniziert, was einer gewissen Komik nicht entbehrt.
Der dritte Erzählstrang beginnt im Jahr 2008. Oliver arbeitet mittlerweile als Designer und Zeichner in einer kleinen Agentur. Dies tut er jedoch mit eher mäßigem Erfolg. Seine Ideen und seine Kreativität finden nur selten Gefallen bei der Chefetage und den Kunden. Sein bisheriges Liebesleben kann als diffuse bezeichnet werden, als er auf einer Kostümparty Anna kennenlernt. Beide nähern sich langsam und schüchtern an. Beide sind wenig geübt im Umgang mit dem anderen Geschlecht und die Hilflosigkeit in der Umsetzung der gegenseitigen Annerkennung und Liebe zueinander wird schnell sichtbar. Beide wissen nicht so recht, wie die Geschichte mit der Liebe wirklich funktioniert, woraus sich scheinbar unüberbrückbare Probleme ergeben......
Die drei Erzählstränge laufen nicht hintereinander weg, sondern vermischen sich den gesamten Film über miteinander, was zu vielen Zeitsprüngen führt. Diese sind jedoch klug inszeniert und wirken die gesamte Laufzeit über schlüssig. Insbesondere die Einstellungen aus den 1950er in Bezug auf die 2000er Jahre vermitteln eindrucksvoll die Probleme, die sich aus den unterschiedlichen Konstellationen und Rollenmerkmalen für Oliver ergeben müssen. In Anna findet er seine Bestimmung, auch wenn sie viele seiner Erfahrungen zu teilen scheint, was die Beziehung zueinander schwierig gestaltet. Auch wenn potentielle Gründe und Ursachen für die entscheidende Frage "wie denn eigentlich diese Liebe funktioniert" für den aufmerksamen Zuschauer am Rande thematisiert und angeboten werden, stellt Mills die Möglichkeit in Aussicht, dass selbst durch eine fehlende Bindung in der Kindheit, die fühzeitige Rollenanpassung an gegebene Umstände und die Sozialisation samt ihrer individuell zu verzeichnenden Tücken und Probleme, schlußendlich nicht dafür ausschlaggebend sein muss, dass fehlende oder nur bedingt getätigte Erfahrungen zum Nachteil in Bezug auf die eigenen, späteren Handlungsfähigkeiten führen.
"Beginners" ist eine kleine Perle geworden, in der die Demaskierung nach der Kostümparty, auf der Oliver Anna kennenlernt, metaphorische Züge erhält und die mit Ewan Mcgregor, Melanie Laurant und Christopher Plummer in den Hauptrollen hervorragend besetzt ist. Wie weiter oben bereits geschildert ist das Grundthema eher dem Drama zuzurechnen, jedoch legt Mike Mills wert auf eine Prise, nicht selten schwarzen Humors. Sowohl die Konversation zwischen Oliver und dem "Adoptivhund" oder Olivers Versuchen, seine berufliche Tätigkeit einer solventen Klientel näher zu bringen, führen zu kleinen, nicht zu laut ausfallenden Freudensbekundungen. Zumindest erging es mir so.
Diese Rezension ist eine reine Filmbeurteilung, Grundlage hierfür ist die deutsche Kinofassung.