Die Autorin Marie Cristen hat, bevor sie diesen Roman schrieb, schon mit zwei gut recherchierten historischen Biographien über die österreichischen Kaiserinnen Sisi und Maria Theresia auf sich aufmerksam gemacht, deshalb konnte man hier seine Erwartungen ruhig etwas höher schrauben - und sie werden auch nur geringfügig enttäuscht.
Handlung: Da sind zwei verfeindete Familien im Burgund zum ausgehenden 13. Jh, die Andrieus und die Courtenays. Angestachelt durch den rachsüchtigen Vater, bürden sich die Brüder Mathieu und Simon de Andrieu die schwere Last auf, eine ganze Familie, nämlich die der Courtenays, ausgerottet zu haben. Von Schuldgefühlen bitter geplagt, versucht nun jeder auf seine eigene Weise diese schreckliche Tat zu sühnen. Mathieu, der Ältere verzichtet auf sein Erbe und schließt sich als Ritter dem Heer Philipps des Schönen an. Mit der Zeit schafft er es sogar, bis zu dessen engstem Vertrautenkreis emporzusteigen. Sein jüngerer Bruder Simon indessen geht ins Kloster. Auch er macht Karriere und gehört nun zu den Günstlingen des Papstes Clemens V. in Avignon. Was die beiden nicht wissen: die achtjährige Tochter der Coutenays, Violante, ist gar nicht tot, sondern konnte mit der Amme fliehen. Geschützt von der Außenwelt, wächst Violante unter falscher Identität im Brüggener Beginenhof zu einer intelligenten, wissbegierigen jungen Frau mit einer großen inneren Unruhe und dem Drang nach Freiheit heran.
Die tüchtigen Beginen wissen mit ihren hergestellten Tuchwaren geschickt zu handeln und haben es folglich zu einem ansehlichen Vermögen gebracht. Diese Tatsache ist sowohl der Brüggener Tuchwarenzunft, als auch dem König und nicht zuletzt der Kirche ein Dorn im Auge. Mathieu als Informant für den König und Simon als Abgesandter des Papstes werden also nach Brügge geschickt, um den fleißigen Beginen auf die Finger zu schauen - und dort treffen sie nicht nur überraschend aufeinander, sondern auch auf Violante alias Ysee. Das schicksalhafte Aufeinandertreffen der drei Hauptpersonen in Brügge soll ihr Gefühlsleben wie auch ihren weiteren Lebensweg nachhaltig verändern.
Meinung: Das Beste an dem Roman ist zweifellos der authentische historische Hintergrund, der relativ viel Raum einnimmt und dem man die vorherige biographische Schreibtätigkeit der Autorin anmerkt. Zum ersten Mal überhaupt las ich etwas über die besondere Gemeinschaft der Beginen, die sich zur damaligen Zeit in ganz Mitteleuropa behaupteten, und war sehr fasziniert von deren Leben. Genauso gut gefiel mir die Charakterisierung der drei Hauptpersonen, die einem schnell ans Herz wachsen und deren sich kreuzende Lebenswege man fieberhaft mitverfolgt. Ihre im Plot mehrfach "zufälligen" Begegnungen erschienen mir jedoch ein wenig konstruiert und unrealistisch, deshalb ziehe ich bei meiner Bewertung einen Stern ab.
Fazit: Ein schön zu lesender, informativer und sehr gut recherchierter Mittelalter-Roman mit drei starken Hauptcharakteren, die einem sofort ans Herz wachsen.
Teil 2:
Die Stunde des Venezianers; Teil 3:
Das flandrische Siegel; Teil 4:
Der Damenfriede: Roman