- Taschenbuch: 156 Seiten
- Verlag: Marabout Verlag (März 2005)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3981020707
- ISBN-13: 978-3981020700
- Größe und/oder Gewicht: 12,7 x 20,3 x 0,9 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 4.457.073 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Der Leser begegnet vielen bekannten Namen, u. a. Maxim Gorki und Lew Tolstoj, Franz Kafka und Milena Jesenská, Kurt Schwitters und Paul Bowles, Max Frisch und Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, Nâzým Hikmet und Pablo Neruda sowie Jim Morrison und Janis Joplin.
13 originelle, einfühlsame und humorvolle Einblicke in einzigartige Momente!
Der Kellner kommt mit dem Cognac zurück. Sie fragt: »Ist heute etwas Besonderes? Ist ziemlich voll hier.« - »Oh ja,« antwortet der Kellner, »wir erwarten heute einen Vortrag von Herrn Walter Mehring über Die Technik des lyrischen Gedichts.« - »Oh, klingt gut, mal sehen, wenn ich hier gut vorankomme, höre ich mir das an. Vielleicht lerne ich ja noch was dazu.«
Sie kannte Mehring. Er kam oft ins Romanische Café. Ihr gefiel sein anarchischer Humor, seine Respektlosigkeit und sein Sinn fürs Groteske. Sie amüsierte es, wenn er mit Hut und Fliege und Pfeife den Dandy spielte, so überzogen, dass er zu einer lebenden Karikatur wurde. Sie mochte seine Selbstironie und sie mochte auch seine frechen, beißend-spöttischen Verse. Sie bewunderte sein politisches Gespür und den Mut, mit dem er seine Meinung vertrat. Und schließlich verband sie ihre Liebe zu Berlin: Walter Mehring, der in Berlin aufgewachsen war, lange in Paris gelebt hatte und dann aus Sehnsucht an die Spree zurückgekehrt war, und Mascha Kaléko aus der galizischen Provinz, die als Emigrantenkind einmal quer durch Deutschland gezogen war, bevor sie in Berlin fand, was sie suchte - den Ort, an dem sie sie selbst sein und zu der Schriftstellerin werden konnte, die sie sein wollte. Wenn sie sich mit Mehring unterhielt und sie beide in einer albern-aufgedrehten Stimmung waren, berlinerten sie, dass sie höchstens die alten Marktweiber verstanden.
»Wann soll denn der Vortrag beginnen?« fragt Mascha den Kellner. »In einer halben Stunde, würde ich sagen.« »Darauf würde ich nicht wetten,« flüstert sie, mit Blick auf die Tür, die krachend aufgestoßen worden war. Ein Trupp SA-Männer in brauner Uniform steht mitten im Raum. Die Gespräche an den Cafétischen verstummen.
Einer der SA-Männer wendet sich an den alten Kellner: »Wir haben hier einen Haftbefehl für Walter Mehring. Können Sie uns sagen, wo wir den Herrn finden.« »Bedaure,« antwortet der Kellner höflich, »Herrn Mehring habe ich heute noch nicht gesehen.« Mascha wirft sich ihren Wintermantel über und ruft dem Kellner zu: »Ich gehe schnell ein paar Zigaretten kaufen. Ich bezahle später. Bin gleich zurück.« Der Kellner nickt. Die SA-Männer beachten sie gar nicht.
Mascha rennt auf die Budapester Straße hinaus. An der Ecke bleibt sie stehen. Sie kauft sich ein Päckchen Zigaretten. Sie stellt sich nahe an einen Hauseingang und zündet sich eine Zigarette an. Dann sieht sie ihn. Klein und schmal, in Mantel und Hut. Er geht kerzengerade in der Mitte des Gehsteigs. Sie stürzt auf ihn zu. »Mehring, Sie müssen sofort verschwinden. Da oben ist die Hakenkreuz-Hilfspolizei mit einem Haftbefehl für Sie!«
...
(Mascha Kaléko trifft Walter Mehring, Berlin 1933, in: Vom Romanischen Café ins Exil, Vera Hohleiter)
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