Nicht jedem in Deutschland ist der Solling ein Begriff. Schade eigentlich, handelt es sich doch um ein stattliches, bis über 500 m hohes Mittelgebirge östlich der Weser, knapp 100 km südlich von Hannover. Seine Geschichte ist zum großen Teil geprägt von den fürstlichen Herrschaftshäusern in Braunschweig und Hannover. Damit eng zusammen hängt die Sozialgeschichte des Sollings als Land der Wälder, der frühen Kleinindustrie und der Landwirtschaft. Ein volkswirtschaftlich nicht gerade reicher Landstrich Deutschlands, in dem die Bewirtschaftung der Fleischressourcen des Waldes - legal im Auftrage der Obrigkeit, illegal aus Gründen des Hungers, des Aufbegehrens, vielleicht auch der Jagdleidenschaft - immer eine überaus große Rolle spielte.
Genau an dieser Stelle setzt Detlef Creydt, durch etliche Werke bekannter Meister in Recherche und Beschreibung historischer Zusammenhänge des südlichen Niedersachsens, mit seinem 2010 erschienenen Buch 'Begegnungen auf Leben und Tod: Förster und Wilderer im Solling' aus dem Verlag Jörg Mitzkat, an.
Von den Fürsten eingesetzte Forstleute sollten den Wildraub verhindern. Es gelang ihnen zwar, die Forstverwaltung im Solling zu gründen, nicht aber, der Wilderei Herr zu werden. Viele Tote gab es im Laufe der Jahrhunderte auf beiden Seiten. Creydt beschreibt, wie sich Forstverwaltung und Wilddieberei parallel entwickelten. Parallelen werden unter anderem auch zur Entwicklung der Jagdwaffen gezogen - mit Fotos illustriert.
In die ausführliche Darstellung vieler Einzelschicksale bindet der Verfasser Ereignisse und Begebenheiten, jagdliche Gepflogenheiten und geschichtliche Zusammenhänge ein. Zitate aus historischen Rechtsquellen und Berichten, aus Presse und Literatur vertiefen die Ausführungen des Autors, ebenso wie Fotos und Illustrationen. So erhält der Leser die Möglichkeit, ein halbes Jahrtausend Zeit- und Waldgeschichte im zweitgrößten zusammenhängenden Waldgebiet Niedersachsens aus einer umfassenden, synoptischen Blickrichtung zu betrachten. Die abwechslungsreiche Mischung der Texte macht die Lektüre zu einem Lesevergnügen ersten Ranges.
Ein Anhang mit diversen Fachkapiteln und Literaturverzeichnis rundet das Werk ab.
247 Seiten, lesenswert nicht nur für Menschen mit Interesse an den Wäldern Norddeutschlands und ihren Bewohnern. Denn was sich im Solling ereignete, spielte sich in ähnlicher Weise auch in anderen Teilen Europas ab. Damit gewinnt das spannend geschriebene Buch eine Bedeutung, die weit über das südliche Niedersachsen hinausgeht.