Der 1954 geborene Regisseur, Journalist und TV-Produzent Gero von Boehm, vielen sicher von ZDF und arte bekannt als TV-Macher, fasste 75 Interviews aus drei Jahrzehnten in einem 752 Seiten starken Buch zusammen.
Den Interviews sind Tagebuch-Auszüge vorgeschickt, in welchen die Situation des Gesprächs kurz beleuchtet wird. Ab Seite 740 finden sich Kurz-Biografien der Interview-Partner - da hätte man sich manchmal mehr als karge 5-6 Zeilen gewünscht, statt sich per Wikipedia auf den Stand der Dinge bringen zu müssen. Auch ein Stillbild vom Interview würde den Menschen mehr vor Augen bringen.
Mit wenigen Ausnahmen treten Persönlichkeiten aus dem Kulturbetrieb auf - aber es finden sich auch Gespräche mit Menschen wie Joschka Fischer, Farah Diba Pahlave, Reinhold Messner, Karim Aga Khan IV oder Alfred Herrhausen. Ein wenig verblüfft ist man über das meist hohe Alter der Interview-Partner - einige Jahre jünger als Gero von Boehm selbst waren wohl nur Martina Gedeck, Richard David Precht, Hape Kerkeling und Christoph Schlingensief.
Man mag sich fragen, ob TV-Interviews nicht auf einer Blu-ray besser repräsentiert wären. Doch wenn man sich in das Buch hineinliest, stellt man schnell fest, dass auch das niedergeschriebene Gespräch eine besondere, wenn auch andere, Intensität aufweist.
Durch von Boehms großes Vorbild, Georg Stefan Troller, erfahren wir, wie sich von Boehm ein ideales Portrait vorstellt: "...von jedem dieser Menschen etwas zu haben, etwas mitzunehmen. Davon wollte ich lernen: Wie erlebt man das und wie überlebt man das, was ihnen zustieß?" Dafür muss man sich Ausflüge in andere Rollen leisten können: "Es ist wohl Identitätsmangel und der Versuch, sich durch andere zu finden." Gero von Boehm fasst es zusammen: "Das heißt, Sie sind eigentlich ein Vampir."
Insofern erfährt man auch einiges über den Autor selbst. Wie es den Anschein hat, sind diese drei Jahrzehnte voller interessanter Begegnungen auch an Gero von Boehm nicht spurlos vorübergegangen: Eine leichte Besserwisserei früherer Interviews - wenn Gero von Boehm die Dinge anders sieht als sein Gesprächspartner, "muss" er bohren, statt Interesse zu zeigen - scheint sich erfreulicherweise gelegt zu haben; so erfahren wir dann auch mehr über die Menschen, um die es geht.
Jedenfalls gibt es - auf durchaus verschiedenen geistigen Niveaus - jenseits von Leiden, Verfolgung und Kríeg auch reichlich strahlende Momente im Grau der Viten: Wenn beispielsweise Ieoh Ming Pei von den lebenden Steinen der "Rock Farmers" erzählt, Daniel Libeskind Architektur als gefrorene Musik bezeichnet oder die unerschütterliche Catharina "Nina" Hagen "Herrn Westernhagen irgendwie saulangweilig findet, und sein Frosch im Hals sie ankotzt".
Herrn von Boehm gelingt es oft, das Vertrauen seiner Gesprächspartner zu gewinnen. Dies führt zu persönlichen Äußerungen und Meinungen, die weniger gut vorbereitete Fragesteller vielleicht nicht zu hören bekommen hätten. Vor allem für kulturinteressierte Menschen, welche die letzten 50 Jahre bewusst miterlebt haben, bieten die Interviews einen reichen, unterhaltsamen und bedenkenswerten Lesestoff.
jury 5* A0859 30.1.2012eg ABR 169.519