Werner Herzog ist ein cineastisches Erlebnis. Sicherlich, muss man den Mut aufbringen, sich auf seiner Wahrnehmung treiben zu lassen. Wenn das der Fall ist, fängt wahrhaftig eine irre Fahrt an.
In "Begegnungen" begegnet man am untersten Ende der Welt Menschen, die es durchaus auch in unseren Breiten gibt. Dort scheinen sie dennoch keine Minderheit zu sein. Man stelle sich vor, auf einer Party zu sein, wo jeder eine abgefahrene Geschichte zu erzählen habe. Ohne den Drang, alle anderen zu toppen; ohne die Überzeugung, Maß aller Dinge zu sein; ohne einen Joint in der Hand, damit es cooler rüber kommt. Und mit der erzählerischen Ernsthaftigkeit eines zweifelnden Zen-Meisters. (Ich schätze, die meisten haben eine solche Situation zumindest einmal erlebt). Herzog holt diese Wahrnehmung ins Epizentrum, so als existiere keine andere, höchstens nur als Zusatz zu unserer skurrilen Existenz. Man hört gebannt zu, schmunzelt, staunt, lacht und... fühlt mit. Kein Schatten ohne Licht: Geben wir es ruhig zu; in jedem von uns steckt eine gesunde Priese Wahnsinn. Herzogs Exkursion ins Kalte könnte als eine Mischung aus "The Wild Blue Yonder" und "Grizzly Man" gelten. Dennoch ist sie anders. Weniger gruselig, weniger verspielt. Aber irgendwie nicht von dieser Welt.
Es darf nicht sein, hier die jeweiligen Storys zu zitieren, es würde dem Verraten einer Witzpointe gleich kommen. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ich wage dennoch die Meinung, mit Herzog ist es so, wie mit einem Wein. Je älter, je besser.
Also: Dieser Film ist ein fabelhafter Wein, der dennoch anders den Gaumen reizt, als es die meisten anderen tun.
Leo Walotek-Scheidegger / 4mare.com