Bisher hatte mich Buddhismus eigentlich nur in seiner praktischen Form interessiert, dem Zazen. Mir erschien die Begrifflichkeit, wie sie in den meisten Übersetzungen der buddhistischen Lehre dargestellt wurde, sehr fade und negativ (z.B. die Existenz des Leidens, wo es doch auch Freuden gibt). Dadurch resultierte immer ein Widerspruch zwischen den aus eigener Praxis erworbenen Erkenntnis und den theoretischen Grundpfeilern des Buddhismus - den vier Wahrheiten. Nishijima konnte bei mir mit diesem Buch all diese Widersprüche wegfegen. Es ist wahrscheinlich das erste buddhistische Buch, das ohne Worte wie Karma, Wiedergeburt, etc. auskommt. Andere Konzepte wie Erleuchtung werden entmystifiziert. Nishijima sieht darin nicht eine Art göttliche Offenbarung, die einen wie ein Blitz trifft, sondern betrachtet "Erleuchtung" als Rückkehr zum normalen, natürlichen Zustand des Geistes mittels der Meditationspraxis Zazen. Zazen ist für ihn "Nur Sitzen", die Konzentration auf die richtige Körperhaltung. Keine Koans, kein Zählen der Atembewegungen, keine Sutrarezitation! Auch räumt er mit der idealistischen Vorstellung auf, dass es sich beim Buddhismus um eine rein spirituelle Praxis oder Religion handelt. Er belegt die bisherige ("alte") sprachliche Darstellung der Vier Wahrheiten mit zeitgenössischer ("neuer") Terminologie:
1. Wahrheit: "Alte" Darstellung: Es gibt Leiden. "Neu": der Idealismus, das Spirituelle, Konzepte, Träume, etc.
2. Wahrheit: "Alt": Das Leiden hat eine Ursache. "Neu": der Materialismus, unsere Körper, das Sinnliche; der mit dem Idealismus scheinbar unvereinbare Gegenpart.
3. Wahrheit. "Alt": Es gibt ein Ende des Leidens. "Neu": Synthese/Integration von Idealismus und Materialismus durch die Theorie des Handelns im Hier und Jetzt.
4. Wahrheit: Hier stimmt er mit im groben mit der alten Betrachtungsweise überein, dass es nämlich einen praktischen Weg zur Auflösung des Leidens oder des Widerspruchs zwischen Idealismus und Materialismus gibt - das Zazen.
So gesehen ist dieses Buch absolut empfehlenswert für westliche Leser, die bisher aufgrund mangelnder oder verzerrter Darstellung des Buddhismus keinen richtigen Zugang zu dieser überaus pragmatischen "Religion" finden konnten. Vielen Dank Mr. Nishijima.